Nachdem auf diesem Blog ja schon seit Monaten nichts mehr gepostet wurde, kommt hiermit der offizielle Schlusspunkt.
Ich habe länger damit gezögert, weil ich durchweg positive Erinnerungen mit der (früheren) Community verbinde, aber es bleibt dabei: Ich fühle mich aktuell auf Blogger aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr wohl und sicher. Daher werde ich die Plattform wechseln. Der Blog in seiner jetzigen Form bleibt bestehen, vielleicht schaue ich auch mal bei der/dem ein oder anderen vorbei. Etwas Neues wird hier allerdings nicht veröffentlicht werden.
Wer mir weiterhin folgen möchte, kann dies gern auf Instagram tun (marsmondmaedchen).
Passt auf euch auf.
♥
25.08.2017
06.05.2017
22.04.2017
Catch the wheel that breaks the butterfly.
Wir hatten uns in der ersten Klasse gefunden und da zwischen uns kein Platz war für andere, verbrachten wir nahezu jeden Nachmittag allein-zu-zweit in ihrem kleinen Zimmer, keine dreihundert Meter von meinem entfernt, sie auf dem Bett sitzend und ich davor auf dem großen gelben Pezziball. Auf und ab, auf und ab wippte ich, während sie dasaß wie eine Königin und erzählte aus anderen Leben, mit weiten Gesten und Wörtern, die sie stapelte zu Kirchen, und ich staunend diese großen, kühlen und ehrfurchtgebietenden Gebäude betrat. All diese Worte waren so schrecklich wahr, wenngleich sich in ihnen Zukunft und Vergangenheit, Wunsch und Angst vermischten. Anders als andere Kinder unseres Alters spielten wir nicht, wir lasen nicht und vergnügten uns nicht draußen, sondern erledigten hastig unsere Hausarbeiten, damit sie schneller erzählen und ich länger zuhören konnte.
Als wir älter wurden, veränderte sich etwas an ihren Geschichten. Es geschah nicht plötzlich, sondern ganz subtil. Zunächst konnte ich meinen Finger überhaupt nicht auf dieses Etwas legen, bis es mir eines Nachmittags klar wurde. Es war die Art, wie sie Jungen in ihre Geschichten einflocht. Weniger geringschätzig als früher, weniger herablassend; etwas Wartendes und Hoffendes und Sehnsüchtiges hatte sich in ihre Stimme geschlichen und ich hüpfte weiter auf diesem großen Ball, auf und ab, immer auf der gleichen Stelle, und mochte diesen neuen Teil nicht. Ich hüpfte und überlegte, wie sich ihre Haut anfühlen würde und ihr Haar und ihr Mund.
Und dann kam der Tag, an dem alles furchtbar schief ging.
Es war ein Tag wie immer gewesen. Sie thronte und erzählte, ich wippte und dachte an sie. Die Katastrophe ereignete sich beim Abschied. Als ich mir die Schuhe anzog und die Senkel zuband, redete sie auf mich ein. Es verblieben nur noch wenige Wochen bis zum Wechsel auf die höhere Schule und wir sollten auf getrennte Schulen gehen.
"Aber weißt du", sagte sie und beugte sich eifrig zu mir hinunter. "Das ändert überhaupt nichts zwischen uns. Du bleibst trotzdem meine beste Freundin und zwar für immer! Bis zum Lebensende!"
Ich stand auf. Schon damals war ich unter den zwei größten Mädchen der Klasse und das war mir meistens unangenehm. Aber sie war das andere große Mädchen, das mit mir um jeden Zentimeter wetteiferte. Gerade lagen wir gleichauf, was hieß, dass wir uns aufrecht stehend geradewegs in die Augen sehen konnten.
"Bis zum Lebensende!", wiederholte sie feierlich.
Da beugte ich mich vor und küsste sie.
Es war keine bewusste Entscheidung, mein Körper reagierte von allein, presste meinen Mund auf ihre trockenen Lippen. Nur ganz kurz, aber als ich, erschrocken über mich selbst, hastig einen Schritt zurück machte, sah ich es in ihren Augen.
Den Ekel.
Sie war angewidert von dem, was ich getan hatte.
Sie war von meinen Gefühlen angewidert.
Sie war von mir angewidert.
Ich ging nach Hause.
Bis zum Ende des Schuljahres sprachen wir kein Wort mehr miteinander. Die anderen wunderten sich natürlich über die plötzliche Kälte zwischen uns und fragten nach. Sie wurde jedes Mal rot im Gesicht und wandte sich mit einem ärgerlichen und zugleich peinlich berührten Gesichtsausdruck ab.
Als ich allen Mut zusammennahm und sie anrief - hatte sie mir nicht ewige Freundschaft gelobt? - sagte ihre Mutter, sie sei nicht zu Hause. Später fuhr ich mit dem Fahrrad an ihrem Haus vorbei und sah sie mit einer Klassenkameradin auf dem Balkon sitzen, lachend und Limonade trinkend.
Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört.
Auch wenn ich selbst an allem Schuld hatte, tat es so weh, dass ich mir schwor, eine solche Dummheit würde mir nie mehr passieren. Nie wieder wollte ich diesen Ausdruck in irgendjemandes Augen sehen. Ich wollte nicht widerlich sein.
Zwei Jahre später wiederholte sich das Drama, nur dass ich dieses Mal keinen Fehler beging. Nachts lag ich schlaflos da, während die Stimmen in meinem Kopf unablässig flüsterten. Tagsüber schwieg ich, schwieg und lächelte und litt. Einmal, als sie wochenends bei mir übernachtete, wie sie es häufiger tat, schmiegte sie sich im Schlaf an mich. Ich spürte ihren warmen Körper an meinem und ihren Atem an meinem Hals und obwohl ich befürchtete, der Lärm meines hämmernden Herzens könnte sie aufwecken, bewegte ich mich bis zum Morgengrauen keinen Millimeter. Ich hielt nur meine zitternden Hände fest, damit sie sich nicht nach dem ausstreckten, was ich nicht haben konnte, und schalt mich eine Verräterin. Aber ich sagte kein einziges Wort. Keines außer "Glückwunsch", als sie mir ihren Freund vorstellte.
Es traten dann noch andere in mein Leben und wieder hinaus, und irgendwann auch ein männlicher Jemand, und ich war froh über den Liebeskummer, bedeutete es doch, dass ich zumindest teilweise... normal war.
Keine...
Keine von denen.
Das Wort "Lesbe" wollte ich nicht einmal denken. Als würde das, was mich beschäftigte, dadurch weniger wahr. Ich war so ein Feigling, nur darauf bedacht, was andere über mich denken könnten, so voller Vorurteile und Scham und Angst.
Mag ich heute auch noch so nonchalant über meine sexuelle Orientierung sprechen, so ist das nicht immer so gewesen. Ich tue es, weil ich muss. Ich muss es tun, weil es ein Teil von mir ist und weil ich aufhören will, diesen Teil zu verstecken. Das heißt nicht, dass mein Herz nicht jedes Mal in Panik hämmert wie damals mit elf. Das heißt nicht, dass die Angst, wegen dem, was ich fühle, abgelehnt zu werden, mich nicht jedes Mal fast umbringt.
Ich bin zehn Jahre älter als die durchschnittliche Bloggerklientel und stamme aus einer Zeit und einem Ort ohne digitale Vernetzungsmöglichkeiten, in der kein Mensch wusste, was "asexuell" ist, Homosexualität ein psychiatrisches Krankheitsbild war und es sich Junggesell*innen gefallen lassen mussten, ständig zur Heirat aufgefordert zu werden. Mir hätte es so sehr geholfen und es hätte mich erleichtert, wäre schon damals in der Schule, im Elternhaus, im Freundeskreis über die vielen Möglichkeiten gesprochen worden, abseits heteronormativer Wertvorstellungen zu leben und zu lieben.
Vielleicht hätte sie mich trotzdem mit Abscheu angesehen.
Aber ich hätte mir selbst mit mehr Verständnis begegnen können.
Denn an Liebe ist nichts Verwerfliches.
Als wir älter wurden, veränderte sich etwas an ihren Geschichten. Es geschah nicht plötzlich, sondern ganz subtil. Zunächst konnte ich meinen Finger überhaupt nicht auf dieses Etwas legen, bis es mir eines Nachmittags klar wurde. Es war die Art, wie sie Jungen in ihre Geschichten einflocht. Weniger geringschätzig als früher, weniger herablassend; etwas Wartendes und Hoffendes und Sehnsüchtiges hatte sich in ihre Stimme geschlichen und ich hüpfte weiter auf diesem großen Ball, auf und ab, immer auf der gleichen Stelle, und mochte diesen neuen Teil nicht. Ich hüpfte und überlegte, wie sich ihre Haut anfühlen würde und ihr Haar und ihr Mund.
Und dann kam der Tag, an dem alles furchtbar schief ging.
Es war ein Tag wie immer gewesen. Sie thronte und erzählte, ich wippte und dachte an sie. Die Katastrophe ereignete sich beim Abschied. Als ich mir die Schuhe anzog und die Senkel zuband, redete sie auf mich ein. Es verblieben nur noch wenige Wochen bis zum Wechsel auf die höhere Schule und wir sollten auf getrennte Schulen gehen.
"Aber weißt du", sagte sie und beugte sich eifrig zu mir hinunter. "Das ändert überhaupt nichts zwischen uns. Du bleibst trotzdem meine beste Freundin und zwar für immer! Bis zum Lebensende!"
Ich stand auf. Schon damals war ich unter den zwei größten Mädchen der Klasse und das war mir meistens unangenehm. Aber sie war das andere große Mädchen, das mit mir um jeden Zentimeter wetteiferte. Gerade lagen wir gleichauf, was hieß, dass wir uns aufrecht stehend geradewegs in die Augen sehen konnten.
"Bis zum Lebensende!", wiederholte sie feierlich.
Da beugte ich mich vor und küsste sie.
Es war keine bewusste Entscheidung, mein Körper reagierte von allein, presste meinen Mund auf ihre trockenen Lippen. Nur ganz kurz, aber als ich, erschrocken über mich selbst, hastig einen Schritt zurück machte, sah ich es in ihren Augen.
Den Ekel.
Sie war angewidert von dem, was ich getan hatte.
Sie war von meinen Gefühlen angewidert.
Sie war von mir angewidert.
Ich ging nach Hause.
Bis zum Ende des Schuljahres sprachen wir kein Wort mehr miteinander. Die anderen wunderten sich natürlich über die plötzliche Kälte zwischen uns und fragten nach. Sie wurde jedes Mal rot im Gesicht und wandte sich mit einem ärgerlichen und zugleich peinlich berührten Gesichtsausdruck ab.
Als ich allen Mut zusammennahm und sie anrief - hatte sie mir nicht ewige Freundschaft gelobt? - sagte ihre Mutter, sie sei nicht zu Hause. Später fuhr ich mit dem Fahrrad an ihrem Haus vorbei und sah sie mit einer Klassenkameradin auf dem Balkon sitzen, lachend und Limonade trinkend.
Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört.
Auch wenn ich selbst an allem Schuld hatte, tat es so weh, dass ich mir schwor, eine solche Dummheit würde mir nie mehr passieren. Nie wieder wollte ich diesen Ausdruck in irgendjemandes Augen sehen. Ich wollte nicht widerlich sein.
Zwei Jahre später wiederholte sich das Drama, nur dass ich dieses Mal keinen Fehler beging. Nachts lag ich schlaflos da, während die Stimmen in meinem Kopf unablässig flüsterten. Tagsüber schwieg ich, schwieg und lächelte und litt. Einmal, als sie wochenends bei mir übernachtete, wie sie es häufiger tat, schmiegte sie sich im Schlaf an mich. Ich spürte ihren warmen Körper an meinem und ihren Atem an meinem Hals und obwohl ich befürchtete, der Lärm meines hämmernden Herzens könnte sie aufwecken, bewegte ich mich bis zum Morgengrauen keinen Millimeter. Ich hielt nur meine zitternden Hände fest, damit sie sich nicht nach dem ausstreckten, was ich nicht haben konnte, und schalt mich eine Verräterin. Aber ich sagte kein einziges Wort. Keines außer "Glückwunsch", als sie mir ihren Freund vorstellte.
Es traten dann noch andere in mein Leben und wieder hinaus, und irgendwann auch ein männlicher Jemand, und ich war froh über den Liebeskummer, bedeutete es doch, dass ich zumindest teilweise... normal war.
Keine...
Keine von denen.
Das Wort "Lesbe" wollte ich nicht einmal denken. Als würde das, was mich beschäftigte, dadurch weniger wahr. Ich war so ein Feigling, nur darauf bedacht, was andere über mich denken könnten, so voller Vorurteile und Scham und Angst.
Mag ich heute auch noch so nonchalant über meine sexuelle Orientierung sprechen, so ist das nicht immer so gewesen. Ich tue es, weil ich muss. Ich muss es tun, weil es ein Teil von mir ist und weil ich aufhören will, diesen Teil zu verstecken. Das heißt nicht, dass mein Herz nicht jedes Mal in Panik hämmert wie damals mit elf. Das heißt nicht, dass die Angst, wegen dem, was ich fühle, abgelehnt zu werden, mich nicht jedes Mal fast umbringt.
Ich bin zehn Jahre älter als die durchschnittliche Bloggerklientel und stamme aus einer Zeit und einem Ort ohne digitale Vernetzungsmöglichkeiten, in der kein Mensch wusste, was "asexuell" ist, Homosexualität ein psychiatrisches Krankheitsbild war und es sich Junggesell*innen gefallen lassen mussten, ständig zur Heirat aufgefordert zu werden. Mir hätte es so sehr geholfen und es hätte mich erleichtert, wäre schon damals in der Schule, im Elternhaus, im Freundeskreis über die vielen Möglichkeiten gesprochen worden, abseits heteronormativer Wertvorstellungen zu leben und zu lieben.
Vielleicht hätte sie mich trotzdem mit Abscheu angesehen.
Aber ich hätte mir selbst mit mehr Verständnis begegnen können.
Denn an Liebe ist nichts Verwerfliches.
07.04.2017
A pro at imperfections and best friends with my doubt.
"Ich habe einfach Angst... Angst, dass ich es mir nur eingebildet habe... die Situation an sich... oder vielleicht sogar die ganze Beziehung."
Die Worte kosten so viel Kraft.
Die Suche nach jedem einzelnen von ihnen kostet Kraft. Die Anordnung der Worte zu sinnhaften Sätzen kostet Kraft. Die Sätze auszusprechen kostet
so.
viel.
Kraft.
Blickkontakt ist immer schwierig für mich, aber sie in diesem Augenblick anzusehen erscheint mir ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.
"Dann befürchte ich, dass es diesen Menschen gar nie gab.... und ich mich künstlich in etwas hineinsteigere."
"Warum sollten Sie das tun?"
Hilflos zucke ich mit den Achsel. "Was weiß ich... sekundärer Krankheitsgewinn? Ein Mensch, der alle zwei Wochen gezwungen ist, 50 Minuten lang meine langweiligen Auslassungen über sich ergehen zu lassen? Ein Partner, der mich wie eine Porzellanpuppe behandelt und mich umsorgt?
Oder sich als etwas Besonderes darstellen, damit Mitleid und Beachtung finden... so etwas wie histrionische Aufmerksamkeitssucht?"
Ihr Mund zeigt ein feines Lächeln. "Erstens bin ich nicht gezwungen, Ihnen zuzuhören, das tue ich aus freien Stücken. Und zweitens bin ich sicher, Ihnen würden bessere Wege einfallen, wenn es nur darum ginge, auf sich aufmerksam zu machen."
Das lasse ich unkommentiert. "Dazu kommt das ewige Thema der eigenen Schuld. Ich denke, dass andere denken, wenn es so schlimm gewesen wäre, hätte ich ja jederzeit gehen können. Da ich nicht gegangen bin, kann es nicht schlimm gewesen sein."
"Und weswegen denken Sie, dass das andere denken?"
"Weil... weil... weil ich selbst davon überzeugt bin. Weil ich mir nicht glaube. Und wie sollen mir andere glauben, wenn ich mir selbst nicht glaube? Wie sollen Sie mir glauben?"
Frau Dr. H. blickt mich aufmerksam an, schlägt ein Bein übers andere und überlegt einen Moment, bevor sie antwortet. "Hm, nun bin ich doch einigermaßen überrascht, wie sich unser Gespräch heute entwickelt. Sie kamen ja herein und äußerten sofort ausdrücklich den Wunsch, den heutigen Termin für die EMDR zu nutzen. Jetzt aber haben wir uns ziemlich weit davon wegbewegt und ich höre von Ihnen Dinge, die Sie mir gegenüber so noch gar nicht zum Ausdruck gebracht haben."
Meine Augen füllen sich langsam und unerbittlich mit Wasser, am unteren Rand hält es kurz inne, dann läuft es über, ein Teil versickert in meinem Haar, platsch platsch platsch fallen die übrigen Tropfen schnell hintereinander auf meinen Handrücken. Dass ich weine, registriere ich erst verzögert, irgendwie dumpf und beiläufig, komisch, denke ich, ich habe noch nie vor ihr geweint.
"Sie befürchten also, ich könnte Ihnen nicht glauben?"
Obwohl die Tropfen immer noch in meinen Schoß fallen und ich Frau Dr. H. nach wie vor nicht ansehen kann, fällt es mir mit einem Mal leichter, die Worte zu formulieren.
"Wir haben die EMDR seit Monaten nicht mehr weitergeführt. Wenn ich Sie darauf ansprach, reagierten Sie abwehrend. Sie taten dies mit dem Hinweis, ich sei zu instabil, obwohl ich mich nicht instabiler als sonst fühlte. Da kam mir der Gedanke, ob der wahre Grund vielleicht schlicht ist, dass Sie einfach nicht an die PTBS glauben und daher eine Traumatherapie für ein ungeeignetes Verfahren halten und stattdessen... ich weiß nicht... an den histrionischen Anteilen arbeiten wollen oder so etwas."
Das ist das erste Mal, dass ich sie halbwegs fassungslos sehe.
"Frau O., ich habe Sie ambulant und stationär erlebt und ich glaube Ihnen absolut. Ich habe keinerlei Zweifel am Vorliegen einer PTBS! Aber wissen Sie noch, was nach der letzten EMDR-Sitzung passiert ist? Damals ging es Ihnen so schlecht, dass Sie eine E-Mail geschrieben haben, was letztlich zu dieser Polizei-Psychiatrie-Geschichte führte. Danach war für mich klar, dass zunächst eine Stabilisierung erfolgen muss und wir noch besser kennenlernen sollten, um uns gegenseitig einschätzen zu können. Mir wäre es einfach lieber, wir würden die Traumatherapie ins stationäre Setting verlegen, wo ich ein Auge auf Sie haben könnte hinsichtlich Ihrer latenten Suizidalität. Wohlgemerkt, es wäre mir lieber - ich halte Ihre Kompensationsfähigkeiten aber durchaus für ausgeprägt genug, dass wir es auch ambulant weiterführen können. Heute wäre ich beispielsweise bereit gewesen, eine EMDR-Sitzung mit Ihnen durchzuführen. Aber ich bin sehr, sehr froh, dass Sie nun stattdessen Ihre Gedanken und Befürchtungen geteilt und mir die Möglichkeit gegeben haben, das Ganze richtig zu stellen. Können Sie mir denn meine Version glauben?"
"... Ja, ich glaube schon."
"Und wollen wir gemeinsam den nächsten Termin für die EMDR nutzen, sofern Sie sich dazu in der Lage fühlen?"
Ich sage nochmals leise "Ja" und wir geben uns die Hand darauf, dann verlasse ich das Gebäude.
Draußen scheint die Sonne, ich lege den Kopf in den Nacken und blinzle ein bisschen durch das Blätterdach.
EMDR hin oder her - heute sind wir einen großen Schritt vorangekommen.
Die Worte kosten so viel Kraft.
Die Suche nach jedem einzelnen von ihnen kostet Kraft. Die Anordnung der Worte zu sinnhaften Sätzen kostet Kraft. Die Sätze auszusprechen kostet
so.
viel.
Kraft.
Blickkontakt ist immer schwierig für mich, aber sie in diesem Augenblick anzusehen erscheint mir ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.
"Dann befürchte ich, dass es diesen Menschen gar nie gab.... und ich mich künstlich in etwas hineinsteigere."
"Warum sollten Sie das tun?"
Hilflos zucke ich mit den Achsel. "Was weiß ich... sekundärer Krankheitsgewinn? Ein Mensch, der alle zwei Wochen gezwungen ist, 50 Minuten lang meine langweiligen Auslassungen über sich ergehen zu lassen? Ein Partner, der mich wie eine Porzellanpuppe behandelt und mich umsorgt?
Oder sich als etwas Besonderes darstellen, damit Mitleid und Beachtung finden... so etwas wie histrionische Aufmerksamkeitssucht?"
Ihr Mund zeigt ein feines Lächeln. "Erstens bin ich nicht gezwungen, Ihnen zuzuhören, das tue ich aus freien Stücken. Und zweitens bin ich sicher, Ihnen würden bessere Wege einfallen, wenn es nur darum ginge, auf sich aufmerksam zu machen."
Das lasse ich unkommentiert. "Dazu kommt das ewige Thema der eigenen Schuld. Ich denke, dass andere denken, wenn es so schlimm gewesen wäre, hätte ich ja jederzeit gehen können. Da ich nicht gegangen bin, kann es nicht schlimm gewesen sein."
"Und weswegen denken Sie, dass das andere denken?"
"Weil... weil... weil ich selbst davon überzeugt bin. Weil ich mir nicht glaube. Und wie sollen mir andere glauben, wenn ich mir selbst nicht glaube? Wie sollen Sie mir glauben?"
Frau Dr. H. blickt mich aufmerksam an, schlägt ein Bein übers andere und überlegt einen Moment, bevor sie antwortet. "Hm, nun bin ich doch einigermaßen überrascht, wie sich unser Gespräch heute entwickelt. Sie kamen ja herein und äußerten sofort ausdrücklich den Wunsch, den heutigen Termin für die EMDR zu nutzen. Jetzt aber haben wir uns ziemlich weit davon wegbewegt und ich höre von Ihnen Dinge, die Sie mir gegenüber so noch gar nicht zum Ausdruck gebracht haben."
Meine Augen füllen sich langsam und unerbittlich mit Wasser, am unteren Rand hält es kurz inne, dann läuft es über, ein Teil versickert in meinem Haar, platsch platsch platsch fallen die übrigen Tropfen schnell hintereinander auf meinen Handrücken. Dass ich weine, registriere ich erst verzögert, irgendwie dumpf und beiläufig, komisch, denke ich, ich habe noch nie vor ihr geweint.
"Sie befürchten also, ich könnte Ihnen nicht glauben?"
Obwohl die Tropfen immer noch in meinen Schoß fallen und ich Frau Dr. H. nach wie vor nicht ansehen kann, fällt es mir mit einem Mal leichter, die Worte zu formulieren.
"Wir haben die EMDR seit Monaten nicht mehr weitergeführt. Wenn ich Sie darauf ansprach, reagierten Sie abwehrend. Sie taten dies mit dem Hinweis, ich sei zu instabil, obwohl ich mich nicht instabiler als sonst fühlte. Da kam mir der Gedanke, ob der wahre Grund vielleicht schlicht ist, dass Sie einfach nicht an die PTBS glauben und daher eine Traumatherapie für ein ungeeignetes Verfahren halten und stattdessen... ich weiß nicht... an den histrionischen Anteilen arbeiten wollen oder so etwas."
Das ist das erste Mal, dass ich sie halbwegs fassungslos sehe.
"Frau O., ich habe Sie ambulant und stationär erlebt und ich glaube Ihnen absolut. Ich habe keinerlei Zweifel am Vorliegen einer PTBS! Aber wissen Sie noch, was nach der letzten EMDR-Sitzung passiert ist? Damals ging es Ihnen so schlecht, dass Sie eine E-Mail geschrieben haben, was letztlich zu dieser Polizei-Psychiatrie-Geschichte führte. Danach war für mich klar, dass zunächst eine Stabilisierung erfolgen muss und wir noch besser kennenlernen sollten, um uns gegenseitig einschätzen zu können. Mir wäre es einfach lieber, wir würden die Traumatherapie ins stationäre Setting verlegen, wo ich ein Auge auf Sie haben könnte hinsichtlich Ihrer latenten Suizidalität. Wohlgemerkt, es wäre mir lieber - ich halte Ihre Kompensationsfähigkeiten aber durchaus für ausgeprägt genug, dass wir es auch ambulant weiterführen können. Heute wäre ich beispielsweise bereit gewesen, eine EMDR-Sitzung mit Ihnen durchzuführen. Aber ich bin sehr, sehr froh, dass Sie nun stattdessen Ihre Gedanken und Befürchtungen geteilt und mir die Möglichkeit gegeben haben, das Ganze richtig zu stellen. Können Sie mir denn meine Version glauben?"
"... Ja, ich glaube schon."
"Und wollen wir gemeinsam den nächsten Termin für die EMDR nutzen, sofern Sie sich dazu in der Lage fühlen?"
Ich sage nochmals leise "Ja" und wir geben uns die Hand darauf, dann verlasse ich das Gebäude.
Draußen scheint die Sonne, ich lege den Kopf in den Nacken und blinzle ein bisschen durch das Blätterdach.
EMDR hin oder her - heute sind wir einen großen Schritt vorangekommen.
02.04.2017
magnolia.
suddenly
waking up one
morning
from annual sleep
being thrown
from annual sleep
being thrown
into a different
world
okay, same world
but different feeling
(and this is what counts -)
okay, same world
but different feeling
(and this is what counts -)
not knowing what
to do
where you are, who you could be
and (most of all)
where you are, who you could be
and (most of all)
where you belong
not being able to think
not being able to think
about these
mysteries
therefore just doing the same
therefore just doing the same
as every spring
blooming
blooming
with all your
vigour
burning up
burning up
the very last of
energy
(because there's no tomorrow anyway)
and then, without warning,
dissipating the same evening
dying for another year.
(because there's no tomorrow anyway)
and then, without warning,
dissipating the same evening
dying for another year.
25.03.2017
Don’t feel sorry for me (I hate that look on your face).
Als ich heute Morgen erwachte, war der Tag so blau, dass es in den Ohren
schmerzte.
Beim Kaffee trinken vergaß ich kurz, dass ich die Trauer schon vor siebenundneunzig Jahren begraben hatte, und suchte sie in den Ritzen zwischen den beiden Tischplatten. Stattdessen fiel mir die Lüge in die Hände, die ich vorgestern verstohlen dort hatte hineingleiten lassen, als du mich fragtest, ob es noch gilt. Du mochtest sie nicht, du mochtest sie noch nie, und nur deshalb zwängte ich sie beim Hinausgehen kurzentschlossen zwischen Haustürschlüssel und Lippenstift in meiner Handtasche.
In diesen kleinen Raum hätte sowieso kein Ausatmen mehr gepasst.
Beim Kaffee trinken vergaß ich kurz, dass ich die Trauer schon vor siebenundneunzig Jahren begraben hatte, und suchte sie in den Ritzen zwischen den beiden Tischplatten. Stattdessen fiel mir die Lüge in die Hände, die ich vorgestern verstohlen dort hatte hineingleiten lassen, als du mich fragtest, ob es noch gilt. Du mochtest sie nicht, du mochtest sie noch nie, und nur deshalb zwängte ich sie beim Hinausgehen kurzentschlossen zwischen Haustürschlüssel und Lippenstift in meiner Handtasche.
In diesen kleinen Raum hätte sowieso kein Ausatmen mehr gepasst.
18.03.2017
Tell me the reality is better than the dream.
Angst pulsiert durch meinen ganzen
Körper, während ich schneller renne, als ich je geglaubt habe zu können. Doch wohin
ich mich auch wende, das Monster ist schon da.
Es trägt eine Maske, aber in seinem halb verdeckten Gesicht ist deutlich zu sehen, wie es mich mit gebleckten Zähnen und blutverschmiertem Mund angrinst.
Instinktiv weiß ich: Sollte es diese Maske fallen
lassen, so ist es endgültig vorbei - nicht nur mit mir, sondern mit der
ganzen Welt.
Ich renne und renne, aber zuletzt hat
es mich doch in die Ecke gedrängt. Ein Schritt vor, ein Schritt zur Seite, es macht alles keinen Unterschied mehr. Es hat mich.
Mit dem Mut der Verzweiflung
schleudere ich ihm schließlich das Einzige entgegen, was mich, wie ich aus irgendeinem unerfindlichen Grund noch retten kann. Der
letzte, ultimative Gegenzauber, der, wie ich mir traumwandlerisch sicher bin, gegen alles und jeden wirkt.
"Meine
Mama hat mich lieb, und es gibt nichts, was du dagegen tun
kannst!"
Das Gesicht erstarrt.
Dann, bevor ich
blinzeln kann, zerfällt es. Es löst sich in Sekundenbruchteilen in winzig
kleine Partikel auf, die sofort federleicht vom Wind davongeweht werden.
Die Wolken, welche die Sonne verdeckten, werden durch denselben Wind
fortgejagt. Ein paar warme Strahlen kitzeln meine Nase. Tief atme ich
ein und wieder aus, beruhige mich zunehmend.
Alles ist gut.
"Das
glaubst du wohl", sagt eine leise, boshafte Stimme direkt hinter mir.
Ohne Vorwarnung schnappt etwas links in meinen Hals, bohrt sich in das weiche Fleisch und im selben Moment ergießt sich glitzernd ein Schwall dessen, was mein Leben war, über meine Hände. Diese tasten nach der Wunde, versuchen, die aufgerissenen Arterien zuzudrücken, aber es nutzt nichts. Das Blut fließt funkelnd zwischen meinen verzweifelt nach dem
Nichts greifenden Fingern hindurch, verschwindet einfach, fort, fort, in
den weißen Raum im Nirgendwo, ich dem ich mich befinde oder auch nicht,
und schließlich weckt mich mein eigenes Schluchzen und Zittern und es
ist so, so, so schlimm.
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