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24.11.2014

Dancing on the borderline.

Irgendetwas scheint die Menschen an dem Wort "Borderline" zu faszinieren.
Ein Teil kann nichts mit diesem Begriff anfangen, aber die Reaktion derjenigen, die etwas darüber wissen oder zu wissen glauben, lässt oft nicht lange auf sich warten.
Da gibt es die Fraktion, meist im pflegerischen Bereich tätigt, die die Augen verdreht, die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und laut stöhnt.
Dann die Fraktion, die dabei ehrfürchtig blickt und bei der das Wort einen beinahe sehnsuchtsvollen Beiklang hat.
Und die Fraktion der Betroffenen, die meist beharrlich schweigt aus Angst vor den aus Vorurteilen geborenen Reaktionen.

Lange Zeit dachte ich, ich sei alleine mit diesem ungebetenen Gast, diesem wilden Haustier, dem kompromisslosen Monster, das wie weißes Feuer in mir wütete und Narben auf meiner Haut hinterließ, während es die Welt um mich herum in Schutt und Asche legte.
Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, in dem dieses Monster auf den Namen "Borderline" getauft wurde.

Es war mitten in der Nacht, ich stand in einem winzig kleinen Zimmer der Psychiatrie dem diensthabenden Arzt gegenüber. Der körperliche Schmerz hielt mich zu dem Zeitpunkt nicht mehr im Hier und Jetzt, doch obwohl ich immer wieder in Dissoziation und Flashbacks abtauchte und schätzungsweise drei Viertel unseres Gesprächs nicht mitbekam, kann ich mich noch genau an seinen halb mitleidigen, halb verächtlichen Blick erinnern, als er das gefürchtete Wort aussprach.
Borderlinestörung.
In irgendeinem Winkel meines noch vorhandenen Bewusstseins sprang mein Gehirn an.
Persönlichkeitsstörung? Ich sollte eine Persönlichkeitsstörung haben? Oder vielmehr: Meine Persönlichkeit war so abartig, dass mein ganzes Ich, mein Dasein, eine einzige Störung sein sollte? Und gleichzeitig so begrenzt, so stereotyp, so flach, dass sie mit einem Code aus einem Buchstaben und vier Zahlen erfassbar sein sollte?
Eine Mischung aus Entsetzen, Empörung und Scham kam über mich.
Das besserte sich auch während der folgenden Wochen nicht. Es schien, als spränge das Wort, nun einmal ausgesprochen, wie ein Virus von Einem zum Anderen über. Zur Diagnostik wurde ich von Pontius nach Pilatus geschickt, von allen Seiten prasselte es auf mich nieder - Ärzte, Psychotherapeuten und schließlich sogar mein damaliger Partner ("Ich verstehe deine Überraschung nicht. Das musst du doch bemerkt haben. Sogar ich hab gedacht, und zwar direkt am Anfang: 'Ganz klar 'ne Bordi.'")

Der Name war furchtbar. Brennend vor Scham hätte ich mich am liebsten zusammengerollt und keinem Menschen je wieder ins Gesicht geblickt. Ich war für immer abgeurteilt, nichtswürdig, ein gestörtes Etwas, das keinen Platz in der Welt hatte, das manipulierte, überforderte und insgesamt eine unverbesserliche Zumutung war.
Gleichzeitig hatte dieses Wissen etwas Widerliches und Schmutziges an sich. Als sei ich die einzige Aussätzige in einer Welt voller lachender, glücklicher Menschen; eine Welt, an der ich nie Anteil haben sollte.

Dann, nach längerer Zeit, stellte sich plötzlich ein Gefühl der Erleichterung ein. Nein, das war gewiss kein schönes Urteil, aber wenigstens hatte ich nun zwei Dinge. Erstens das Wissen darum, nicht alleine zu sein. Und zweitens die Möglichkeit, das Monster zähmen zu lernen.

Die Erziehung des Monsters lässt sich sehr gut an.
Ich erzähle nur selten, wie sein Name lautet.
Es reicht ja, dass ich ihn weiß.

3 Kommentare:

  1. Das Monster beim Namen nennen ist immer der erste Schritt. Wir können unsere Dämonen nur beherrschen, wenn wir sie kennen.

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  2. Bei mir war es andersherum. Erst eine gewisse Erleichterung, dass das "Kind" jetzt einen Namen hatte, dann immer mehr Ärger über diesen Stempel und vor allem darüber, dass jeder irgendwie eine Meinung dazu hatte, Ärzte, Therapeuten, Freunde... jeder hatte ein vorgefertigtes Bild des klassischen Borderliners im Kopf, jeder wusste, wie "die ticken", wie manipulativ die sind, wie die ausrasten können, dass die sich selbst verletzen (jajaja, DAS Kriterium, genau), wie die andere Menschen emotional aussaugen etc. und hat *mich* als Menschen dahinter übersehen. Ich schäme mich heute noch, wenn ich irgendwo meine bisherigen Diagnosen angeben muss, weil ich genau diese Reaktionen fürchte. Ich kann und will mich mit diesem Menschenbild, das mit Borderline einhergeht und das ja sogar viele Fachleute haben, einfach nicht identifizieren. Das bin ich nicht. Also, ich kann gut verstehen, wie es sich für dich anfühlt, mit diesem Stempel herumzulaufen, und dass du nicht gerne zugibst, dass du ihn hast. Aber du hast Recht, es lässt sich ja ganz gut behandeln, auch wenn die Therapie sehr anstrengend ist und man viel an sich arbeiten muss. Und man kann sie auch wieder loswerden. Bei meinem letzten Klinikaufenthalt wurde die Borderline-Diagnose nicht mehr vergeben^^ Meine ambulante Psychiaterin schreibt sie aber trotzdem noch auf die Zettel -.-

    Nein, ich habe keinen E-Book-Reader. Mir geht's da wie dir, ich habe lieber ein richtiges Buch in den Händen, mit Seiten zum Umblättern und Papiergeruch und so :) Mein Freund hat einen, ich ziehe in immer damit auf, dass er seine Bücher mit Strom aufladen muss ;) Es entspannt die Platzsituation schon, aber... nee ;)

    Ja, ich sollte mir wieder einen Traumatherapeuten suchen, habe aber noch nicht angefangen. Ich weiß einfach nicht, wie ich jemanden finden soll, der sich auch mit dissoziativen Störungen auskennt. Bei mir steht vom klinischen Eindruck her DDNOS im Raum, aber der Ex-Therapeut hat keine Differentialdiagnostik mit mir gemacht. War ihm egal, ob es nun "nur" kPTBS mit schweren dissoziativen Symptomen ist oder doch DDNOS. Erstmal kann ich wieder zu meiner alten Therapeutin gehen, die in auch einer Institutsambulanz arbeitet, aber sie kann mit mir nicht traumatherapeutisch oder mit Anteilen arbeiten, was aber, glaube ich, dringend nötig wäre.

    Sei lieb gegrüßt!

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  3. Hey du :)
    Hm... bei dem mit dem Borderline und was du darüber geschrieben hast, musste ich gerade an das hier denken: https://erzaehlmirnix.wordpress.com/2013/10/14/nach-einer-psycho-diagnose/
    *g

    Nein, wir waren noch nicht zusammen. Es war eher seit zwei Jahren das ständige Hin-und-her-Spielchen. Mal war ich unsterblich in ihn, er aber nicht in mich, dann er in mich, ich aber nicht mehr, dann wollte ich wieder was, er aber nicht, einmal haben wir während meiner Klinikzeit rumgeknutscht, während er eine Freundin hatte (was ich nicht wusste).. woraufhin ich ausgerastet bin *hüstel* - Mh ja. Kompliziert. Man kann's eigentlich in einem Satz zusammenfassen, nämlich dass wir beide Idioten sind.
    Der Text bezieht sich auf meinen Ex. (Kindergarten)beziehung seitdem wir uns im Alter von ca. vier Jahren kennen gelernt haben, bis ich mit 12 Schluss gemacht habe. Er ist nett und n lieber Charakter, aber das war das Beste, was ich tun konnte. Ich würde dir gerne mehr darüber schreiben, aber das geht gerade nicht. Ich weiß auch nicht, warum das gerade so schwierig ist. Keine Ahnung. Danke für das Angebot <3
    Oh, da sind ganz schön viele Wenn's, fast so viele wie in meinem Kopf :D
    Ich hoffe es... WENN das funktioniert, wäre das perfekt. Ich mein hey, wir sind beide bekloppt und vollkommen idiotisch, wir sind wie für einander geschaffen *hust* xD
    Dankeschön. <3
    Alles Liebe dir <3

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