Zurzeit denke ich über eine Pause nach.
Eine Pause vom Leben.
Als ich heute nach zehn Stunden Arbeit und unter drei verschiedenen Schmerzmitteln keinen vernünftigen Satz mehr zustande brachte, da fing ich an zu heulen.
Aber nicht etwa aus Traurigkeit oder aus Verzweiflung - nein, es war die Wut über mich selbst, die die Tränen fließen ließ.
Ich hasse es, nicht leistungsfähig zu sein.
Ich hasse es, ich hasse es, ich hasse es.
Und wie ich da so in meinem Büro saß und immer zorniger auf mich wurde, sah ich plötzlich meine Therapeutin vor mir, wie sie traurig den Kopf schüttelte.
Was tun Sie sich da bloß wieder an?
Da wurde es mir endlich klar: Es ist Wahnsinn, den ich betreibe.
Eine Ausbildung mit Zehnstundentagen und Sechstagewochen zu einem Hungerlohn, die die Hälfte der gesunden Teilnehmenden abbricht, eine posttraumatische Belastungsstörung und eine teilremittierte Anorexie?
Natürlich würde ich es schaffen. Ich habe es bisher immer geschafft.
Nur... zu welchem Preis?
Es ist mein jüngeres Ich, welches ich beweinen sollte, nicht einen verspäteten Entlassbrief, den sowieso keiner je lesen wird.
Es ist meine Gesundheit, auf die ich meine geistigen Ressourcen verwenden sollte, nicht irgendein sinnloses Formular.
Es ist mein Leben, dem ich mich widmen sollte, nicht ein System, hinter dem ich sowieso nicht stehe.
Ich liebe meinen Job.
Ich liebe meine Patienten.
Aber vielleicht ist es nun an der Zeit, sich selbst lieben zu lernen.
Liebe Anna,
AntwortenLöschenmeinst du mit "Pause" einen Klinikaufenthalt?
Ich selber glaube, dass eine intensive Traumaarbeit tatsächlich am besten in einem sicheren Rahmen passiert, wenn die Verpflichtungen des Alltags von einem fern sind. Damit ist Arbeit genauso gemeint wie der Abwasch, die Waschmaschine, das Staubwischen und Einkaufengehen. Es kann ungemein entlastend sein, wenn man sich nicht darum kümmern muss, ob etwas Essbares im Haus ist oder wer den Tischabdeckt. Weil, das jedenfalls ist meine erfahrung, das Gehirn auf verstörende Weise im Damals schwimmt und alle Kraft dafür verwendet werden muss, sich immer und immer wieder zu sagen, dass man in der Gegenwart und in Sicherheit ist.
Außerdem kann im stationären Rahmen die eigentliche TT ergänzt werden zb durch Feldenkrais, Musik- oder Tanztherapie, (Einzel-) Körperarbeit, Gespräche mit der Pflege, Ergotherapie, Tiertherapie...was auch immer "angeboten" wird.
In Krisen kann schneller geholfen werden.
Letztlich zusammengefasst: Man muss weniger allein machen. Man hat ein Team von Helfern zur Seite. Man darf abgeben.
Jedoch, so geschildert handelt es sich sicher um ein Ideal. Man kann hart aufschlagen, wenn man sich naiv und vertrauensselig darauf verlässt, was auf einer Hp verlockend und fachlich versiert klingt.
Ich hatte das unendliche Glück, auf Helfer zu stoßen, die genau dies sind und waren: Helfer. Ein Ort, der für mich zu einer Festung, einem Schutzraum, einem Ausgangspunkt für neuen Mut und anderes Denken wurde.
Das wünsche ich auch dir. Sehr.
Anima
PS: Das Buch: Die Narben der Gewalt / Trauma and recovery. The aftermath of violence from domestic abuse to political terror.
AntwortenLöschenOb ich trauern kann?
Ehrlich gesagt, glaube ich, dass ich noch nicht so weit bin. Aber ich gebe mir nicht mehr die Schuld. Ich mache meinen Körper nicht mehr dafür verantwortlich.
Das ist eine Veränderung, die mich immer noch auf den Kopf stellt. Weil es so ziemlich allem widerspricht, was ich die letzten Jahrzehnte gedacht, gefühlt und gelebt habe.
Es ist noch sehr neu. Unvertraut, rätselhaft.
Wie die frische Haut, die über eine Wunde wächst. Ganz langsam.
Hab einen guten Abend!!
Liebe Anna,
AntwortenLöschenwas ich lese, bringt mich zum Lächeln, du kannst schon wieder SO STOLZ auf dich sein!
Dein letzter Absatz ist einfach.. mir fehlen die Worte. Unglaublich toll? Wahnsinnig reflektiert? Unendlich stark?
Wirklich, das ist einfach toll, dass du so denken kannst.
Ich unterstreiche deinen letzten Absatz gedanklich mit bunten Regenbogenfarben und tanze voller Euphorie darum herum (:
Alles Liebe,
Feli
Liebe Anna,
AntwortenLöschenes ist beinahe Hohn, wenn ausgerechnet ich nun einen Kommentar zu Deinem Post schreibe, denn bei Deinem Ausruf "Ich hasse es, nicht leistungsfähig zu sein. Ich hasse es, ich hasse es, ich hasse es." muss ich selbst die Hand heben und mich melden. In Sachen "Workaholic" scheinen wir beide recht nahe bei einander zu sein. Ich rate einfach mal, Du bist daran gewöhnt zu funktionieren, egal wie widrig die Bedingungen sind, nicht wahr? Immer stark sein, im Alltag niemals Schwäche zulassen, ist es nicht so?
Nicht eine Pause, sondern die Mehrzahl, "Pausen" ist vielleicht die Lösung. Nicht alles Hinschmeißen, denn das tut auch nicht gut. Aber sich hin und wieder einen Tag nehmen, an dem man sich selbst etwas Gutes tut, so wie Du es am Samstag gemacht hast, das wäre schon viel.
Ich rede gerade ebenso zu mir selbst, wie zu Dir, denn auch ich müsste mich viel öfter zu Pausen zwingen. Einfach mal einen Tag lang nicht kämpfen müssen…
Liebe Grüße und gute Wünsche,
Pirandîl
Liebe Anna,
AntwortenLöschendie Lorbeeren hast du für den letzten Satz bekommen, alleine für den Gedanken verdienst du schon Applaus (:
*Applaus, Applaus, für deine Worte*
Die Konsequenz daraus wird sich zeigen.
Ich wünsche dir Weisheit, Selbstakzeptanz und Stärke, eine Entscheidung zu treffen, die dir langfristig gut tut und dich nicht selbst überfordert.
Klar, darfst du. Reicht dir die Antwort "in den Zwanzigern", so wie du? (;
Alles Liebe und eine behütete Nacht,
Feli
Liebe Anna!
AntwortenLöschenDanke dass du mich teilhaben lässt an deinem Kampf, deinem Kämpfen, deinem Ringen.
Vielleicht kam deine innere Not bei deiner Therapeutin nicht so an, weil sie dich als starke, taffe Person kennt/erlebt, die eben all das von dir oben Geschilderte hinbekommt. Die selbst nach einer Expo hocherhobenen Kopfes die Praxis verlässt und erst zuhause diesen kleinen (?) Zusammenbruch - von dir nicht näher wiedergegebenen - zulässt.
Ich gebe dir recht, eine Woche krankschreiben wird an der Situation nichts verändern. Ich könnte mir zwei Wege denken:
Einmal, wirklich einen stat. Aufenthalt zu planen. Das ist ohnehin mit Wartezeit verbunden und auch mit etwas Recherche, welcher Ort dir passend erscheint. Dich anzumelden, rein formal, beinhaltet ja noch keine Verpflichtung, absagen und jemand anderen den Platz zu überlassen, ist idR kein Problem.
Während du also dies planst, macht es sicher Sinn, deinen Alltag zu überdenken: was zieht Kraft - was spendet Kraft? Womit könntest du dir Energiereserven verschaffen oder Oasen?
Ganz konkret: Wie lässt sich deine Essstörung (weiter) bekämpfen? Eine "teilremittierte" Anorexie gibt es nicht. Die Anorexie lässt so etwas nicht zu. Und während du noch denkst, du hast das im Griff, rutscht du schon ein weiteres Stück tiefer hinein. Und mit jedem MM, den du ihr gibst, wird der Graben zurück größer.
Ich wünsche dir, dass du deinem Gefühl "Ich brauche eine Pause" nachgibst, ihm zumindest nachspürst.
Gerne würde ich dir etwas abgeben von dem schnaufenden, entspannten Sein hier neben mir, so herrlich zufrieden und gelöst. Ich lerne von ihr viel.
Deine a.
Liebe Anna, auf deine Frage(n) möchte ich lieber nicht öffentlich antworten. (Paranoia..)
AntwortenLöschenGerne per Mail?
Es mag sein, dass es den Ausdruck der tr AN tatsächlich gibt - und ich wollte dir auch bestimmt nichts vorwerfen!!! - aber ich glaube, dass es schwer ist, diesen Zustand des halbgesund aufrecht zu erhalten. Letztlich wollte ich damit v a die sorge zum Ausdruck bringen, an wie vielen Fronten du kämpfen musst...
Alles Liebe dir!!
Liebe Anna,
AntwortenLöschenich lese schon eine Weile deinen Blog und verfolge mit, wie du dein Leben meisterst. Du hast in einem deiner letzten Posts geschrieben, dass du eine Exposition machst. Weil ich nicht weiss, was das ist, habe ich es gegoogelt, aber ich habe, um ehrlich zu sein, nicht verstanden, um was es da geht und was genau man tut... Könntest du es mir erklären? Also falls das okay ist für dich!
Liebe Grüsse
Emilia
Liebe Anna,
AntwortenLöschendas klingt wirklich ein bisschen wahnsinnig... Eigentlich sogar nach: Der Zusammenbruch ist vorprogrammiert. (Zumindest wäre es bei mir so.) Und nach: Raubbau an Körper und Seele, gerade wenn du psychisch eigentlich keine Kapazitäten mehr hast (allein durch die Expo) und körperlich nur mit 3(!) Schmerzmitteln durch den Tag kommst. Ich will dir nicht zu nahe treten, aber für mich klingt es so, als würdest du deine Grenzen täglich überschreiten.
Aber ich kann auch gut verstehen, dass du deine Arbeit und deinen Berufswunsch nicht aufgeben möchtest. Wäre vielleicht eine Unterbrechung deiner Ausbildung für dich denkbar? Solange, bis dein Gesamtzustand sich gebessert hat? Oder ist das dann zu viel Pause?
Ja, ich finde auch, du warst lange genug hart zu dir, und Selbstfürsorge und Selbstliebe ist dran. Sicher kannst du das deinen Patienten auch besser vermitteln, wenn du es selbst praktiziert :)
Und zu deiner Expo: Du hast das unheimlich stark gemeistert. Bitte sei nicht zu böse mit dir, weil du dich dysfunktional verhalten hast, ja? In der Klinik, in der ich war, waren die Mitpatienten nach einer Expo völlig hinüber und es gab viele, die es nach eigener Aussage ambulant nicht geschafft hätten, keinen Mist zu machen.
Bis vorgestern hätte ich noch gesagt, es geht mit den Flashbacks. Dann kam gestern dazwischen. Jetzt ist es gerade ein Kampf, aber ich schaff das schon. (Wie immer.)
Was meinst du mit: Du hast das auch so wahrgenommen, wie meine Therapeutin? Dass sie teildissoziiert sind? Oder emotionale Anteile? Es ist keine DIS, das glaube ich auch nicht. Aber sie sind auch nicht "ich".
Annaaaa <3
AntwortenLöschenDie Katzenmütze ist da ^-^ Leider ist sie ein bisschen zu klein (oder mein Dickschädel zu groß), aaber passt schon. Hm. Und die Ohren sind mir zu spitz. Aber ansonsten... ES IST EINE MÜTZE MIT OHREN DRAN, ALSO HÖR AUF DICH ZU BESCHWEREN xDDD
Jaa, solche Strumpfhosen kenne ich :) Finde ich cool, aber ich traue mich nie, mir welche zu kaufen aus Angst, dass meine Beine darin.. äh, unförmig aussehen xD
Ich weiß es nicht... ich glaube aber schon, dass er was ahnt, also zumindest in Richtung dessen, woher das Trauma möglicherweise rührt...
Mpf, ja. Stimmt. Aber das ist vermutlich wieder dieses Nichtsbereuenwollenweilmanetwasfalschesgesagthat-Ding ^^
Realistisch ist es nicht, nein. ^^ Mein Perfektionismus ist aber auch nicht realistisch, wenn man es mal so betrachtet *überleg*
Dankeschön <3
Äh... du, da kenne ich mich überhaupt nicht aus. Soweit ich weiß, bin ich kassenversichert. Ich habe auch keine Ahnung, wie sie das alles abrechnet ^^' Das "reguläre" Neurofeedback hat damals mein Vater bezahlt, so was fällt eher unter Notfalltermin und nicht "regelmäßige" Therapie, keine Ahnung, wie das dann gemacht wird oO
Dein Post hört sich wahnsinnig ... durchdacht an. Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, aber ich bewundere deine Fähigkeit, Dinge zu durchdenken, Sachverhalte zu erkennen und daraus solche klaren Entschlüsse zu ziehen. Gib dir die Zeit, die du brauchst.
<3
Liebe Anna,
AntwortenLöschenvielen Dank (: Das hast du bisher noch nicht erwähnt. Ich freue mich, dass dir der Name gut gefällt.
Wie alt hättest du mich geschätzt?
Danke, das ist sehr lieb. Ich habe die Wärme der Sonne gespürt, den blauen Himmel wahrgenommen und die kalte Luft eingeatmet. Das hat gut getan und mich zum Lächeln gebracht.
Bist du schon zu neuen Erkenntnissen/Ergebnissen deines letzten Vorsatzes gekommen?
Ich wünsche dir weiterhin bunte Regenbögen, die das Triste aus deinem Leben weg schieben.
Alles Liebe,
Feli
Hallo meine allerliebste Anna,
AntwortenLöschenHass nicht verdient zu haben - ich glaube, bis dahin ist es noch ein sehr großer Schritt für mich. Aber danke.
Ja und stationär scheidet für mich aus. Entweder ambulant oder gar nicht.
Vom Blog genommen und auf meinen Zweitblog verbannt.
Hm, dein besser scheint ja jetzt wieder schlechter zu sein, oder?
Nun, ich habe mich bisher auch schon öfter gefragt, wie du dem allen stand hältst.
Eine Pause ist aber nicht das Ende der Welt - ich bin ebenfalls in einer Pause, wenn man so will.
Wer applaudiert dir denn, wenn du immer weiter machst und letztlich kaputt dabei gehst? Wer schenkt dir eine Medaille, wenn du jeden Tag deine 10 Stunden runterreißt? Wer würde später auf deinen Grabstein schreiben "Sie war immer pünktlich und keinen Tag hat sie gefehlt"?
Weißt du, was wirklich wichtig ist? Das Wissen, dass du sorgsam mit deinem Körper umzugehen hast. Das Wissen, dass es sonst keine Anna mehr geben wird. Damit wäre dir nicht geholfen und deinen Patienten schon gar nicht ...
Ich denke an dich - du bitte auch an dich.
Danke für Tasse und Decke - und deine Gesellschaft bis zum Einschlafen. Für diese Nacht würde ich dir gerne das gleiche tun <3
Alles Liebe dir
Lovely