Als ich morgens die Rollläden hochziehe und aus dem Fenster blicke, sehe ich mich einer Wand gegenüber. Stumm und ernst starrt mich diese graue Eminenz an. Sie muss sich nachts ans Haus herangepirscht haben, unbemerkt, als alle schliefen, und nun steht sie da, feierlich und stocksteif, mit grauem Haar, grauer Kleidung und grauen Augen.
Ich öffne das Fenster.
Sie tritt nicht zurück.
Vorsichtig, zögernd strecke ich meine Hand ins Freie und taste nach der vermeintlich undurchlässigen Wand. Doch meine Finger gleiten durch nasskalte Wolken, finden keinen Halt. Ohne einen Millimeter zurückzuweichen hat der Nebel einen Ausfallschritt gemacht. Eine Mischung aus Empörung und Angst durchflutet mich. Ich stolpere einen Schritt zurück und schlage das Fenster zu.
Immer noch stieren mich die grauen Schwaden gleichgültig an. Jeder ihrer Blicke scheint zu sagen: Gib dir keine Mühe. Wir sind die besseren Soldaten.
Ich wende mich ab. Lieber verbarrikadiere ich meine Wohnung und mein Herz hinter Glas, bevor eine der trüben Wehen den Weg hinein finden kann.
Während ich am Tisch sitze und frühstücke, wird mein Blick wieder wie magisch vom Nebel draußen angezogen. Ich versuche, das Nachbarhaus zu erkennen, die Bäume, irgendetwas.
Vergeblich.
Die bleierne Armee hat ein watteweiches, eisgraues Etwas geschickt, was sich auf dem Balkon ausgebreitet hat und nun dort sitzt, verschlagen, lauernd.
"Schhh", mache ich.
Das Etwas glotzt und rührt sich nicht.
Das Glas um mein Herz klirrt.
Und dann sitze ich da und trinke meinen Tee und warte auf die Sonne.
Ich warte darauf, dass die Sonne durch die Wolken bricht.
Ich warte darauf, dass ihre Strahlen gleich Schwertern den eisernen Soldaten die Glieder abtrennen, das Heer in alle Winde zerstreut und die letzten Überreste dieser kalten Nacht mit ihrem hellen Licht in die Flucht schlägt.
Mit dem letzten bisschen Vertrauen, was mir an diesem Morgen bleibt, warte ich, hoffe, glaube.
Sie wird kommen.
Im Nebel
AntwortenLöschenSeltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.
Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.
Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.
Seltsam, Im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.
November 1905 - Hermann Hesse
Ich glaube, HH konnte tief unglücklich sein und in seinem Unglück fand er doch Worte dafür und das, vielleicht, milderte bereits das Unglück. Und so schickst auch du deine Worte tastend in die Welt und sie werden gelesen, empfangen und gespürt und kommen zurück zu dir als Kommentar, als ein Ichlesedich, als ein Duwirstgesehen.
Indes, ich mag Nebel. Ich mag es, auf die Wälder zu blicken, die hügelhoch sich türmen und dazwischen wabert das Weiß wie gespannte Laken einer großen Wäsche. (Was mich an deinen 90°C Wasch-Post erinnert :-))
Ich mag es, wenn der Nebel sich um meine Beine schleicht in Schlieren und bizarrer Form. Ich mag es, wenn der davon stiebende Hund verschluckt wird von der samtenen Front, wenn das kuschelweiche Schwarz mit dem behütenden Weiß verwischt. Ich mag die Ruhe, die der Nebel bringt in einer oft so lauten Welt. Ich mag das Geheimnisvolle, wenn die Wolken plötzlich vom Himmel auf die Erde gefallen sind. Ich mag, dass ich vieles nicht mehr sehen muss, was in den Augen brennt. Ich mag die perlende Feuchte, die über die Haut streift.
Vielleicht möchte der Nebel heute bei dir keine Wand sein - keine Mauer und keine Barriere.
Vielleicht möchte er ein bisschen Blubberblasenfolie in deinem Sonntag sein, die dich gut und sicher verpackt, damit du heute, heute nicht zerbrichst.
Deine Anima
Liebe Anna,
AntwortenLöschendanke sehr für deinen Kommentar auf meinen mittlerweile gelöschten Post. Dass jemand die Gedanken nachvollziehen kann, tut gut und ich habe deine Idee, den Blog etwas zu verändern, umgesetzt. Mir geht es jetzt besser, (auch wenn das Problem des Blog-Themas und Blog-Wunschthemas sich nicht gelöst hat). Danke sehr auch für das Mailangebot, ich schreibe dir die Tage bestimmt.
Liebste Grüße und einen schönen Sonntag!
Elena
Hallo :)
AntwortenLöschenAch, naja. Ich glaube, irgendwo versuche ich mich damit auch bei mir selbst zu entschuldigen, dass ich mich nicht aufraffen kann, weils momentan so viel ist.. :) Ich werde versuchen, es nicht all zu oft zu tun.. :D
Tja, so ist das, hm.
Als ich deinen Post gelesen habe, habe ich mich beim letzten Satz gefreut. Denn an dem Tag, da kann ich mich noch dran erinnern, habe ich auch so sehr auf die Sonne gewartet und sie kam.. So als Metapher. :) War irgendwie schön.. Dieses dran glauben und darauf hoffen und es geschehen sehen und diese Bestätigung, dass es eben immer weiter geht.. :)
Ich hoffe, dir gehts gut! Und hoffentlich hattest du ein schönes Wochenende.. :))
Alles Liebe <3
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
AntwortenLöschenLiebe Anna,
AntwortenLöschender Gleichklang ist tatsächlich merkwürdig, ich hoffe, der Nebel hat sich inzwischen gelichtet. Von dem Buch "Die Wand" habe ich schon gehört, ich muss es wirklich einmal lesen.
Danke für Deinen Kommentar und liebe Grüße,
Pirandîl
Sein Unglück
AntwortenLöschenausatmen können
tief ausatmen so dass man wieder einatmen kann
Und vielleicht auch sein Unglück
sagen können in Worten
in wirklichen Worten
die zusammenhängen
und Sinn haben
und die man selbst noch
verstehen kann
und die vielleicht sogar
irgendwer sonst versteht
oder verstehen könnte
Und weinen können
das wäre schon fast wieder Glück.
- Erich Fried
Daran denke ich oft, wenn ich deine Worte lese und ich bewundere dich für das aussprechen können. Ich glaube, das ist der einzige Weg und ich glaube, er ist richtig.
Liebe Anna,
AntwortenLöschenund weißt du was? Du bist schon mutig. Denn du bist auf der Suche nach dir selbst und nach Dingen, die dir gut tun und helfen, statt gegen dich zu arbeiten. Darauf kannst du so stolz sein (:
Ich glaube auch, dass Selbstzerstörungsimpulse umso heftiger wiederkommen, je stärker man sie zuvor wegdrückt. Die Auseinandersetzung mit der Ursache ist wichtig, die Gedanken zu hinterfragen und herauszufinden, wieso die Impulse gerade so stark sind.
Verstehst du denn, dass das Biest nicht die Wahrheit sagt, dass du nicht schuldig bist, dass du niemanden überredet hast, böse zu dir zu sein?
Ich mag es nicht, jemandem, den ich kaum kenne, ganz allgemein zu sagen, dass er nicht schuld ist, weil ich deine Situation früher gar nicht beurteilen kann. Und Verallgemeinerung fühlt sich für mich immer an, wie nicht ernst genommen werden. Trotzdem denke ich, egal wie provokant, auffällig, herablassend... (nur mögliche Beispiele!) du dich verhalten hast, hast du es nicht drauf angelegt oder darum gebeten, dass jemand dich schlecht behandelt.
Ich hoffe, du hast verstanden, was ich dir mit meinen Worten mitteilen möchte und fühlst dich nicht angegriffen durch meine Beispiele.
Oh, wie toll, dass du an deiner Liste arbeitest und Erfolge hast (: Das freut mich so für dich! Und dass dir die Pancakes geschmeckt haben, ist toll (: Du kannst stolz auf dich sein!
Für deine Städtereisen wünsche ich dir ganz viel Spaß und schöne Momente, unvergesslich tolle Erfahrungen und nette Begegnungen.
Wo geht es hin, möchtest du das verraten?
Der Text, den du mir geschickt hast, war mir nicht bekannt, aber ich finde vor allem den letzten Satz wunderschön. Ich werde versuchen, ihn im Herzen zu behalten.
Dein aktueller Post ist sehr toll geschrieben. Du hast viel Talent, weißt du das? Es ist ein Zeichen von Stärke, dass du trotz des ganzen Nebels und deines klirrenden Herzens noch einen letzten Rest Vertrauen aufbringen und an die kommende Sonne glauben kannst.
Und ja - sie wird kommen. Ganz bestimmt.
Ich wünsche dir heute einen Moment voll von Glück und dass du ihn ganz bewusst wahrnehmen und genießen kannst.
Alles Liebe,
Feli
PS: Dein Kommentar unter "Seelenlichtblicke" hat mich so gerührt, dass ich trotz eines kleinen Tiefs plötzlich ein strahlendes Lächeln im Gesicht getragen und wieder die Sonne gesehen habe. Danke.