"Nudeldick", höre ich die eine der anderen zuflüstern, während ich mich zwischen lachenden und schwatzenden Personen durchquetsche. Ganz automatisch dreht sich mein Kopf in die Richtung der beiden Damen.
"Hm?", mache ich ein wenig verwirrt.
"Ach, Kindchen", flötet die eine, eine Cousine meiner Großmutter, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Sie nimmt einen Schluck von ihrem Sekt und beißt ein riesiges Stück von ihrem Schnittchen ab. "Ich sagte gerade zu Edith hier, wie nett deine Schwestern aussehen." Sie nickt der anderen geziert lächelnden, mit Perlen behängten Frau zu, die wohl ebenfalls irgendwie mit mir verwandt ist, wenngleich ich mich nicht erinnern kann, sie schon einmal gesehen zu haben.
"Ja...?" Ich bin noch immer verwirrt.
"Und weißt du", sie rückt näher und fasst auf eine unangenehm vertrauliche Art meinen Arm, wobei sie die Stimme senkt. "Ich glaube, du könntest durchaus auch ganz hübsch sein, aber mit dieser Figur..." Sie schüttelt wichtigtuerisch den Kopf. "Da wird das natürlich nichts. Das sieht einfach nach nichts aus."
Ich bin so perplex, dass ich sie einfach nur wortlos anstarre.
Kauend fährt sie fort: "Und wenn ich dir aus meiner Lebenserfahrung heraus, so ganz unter uns, einen Rat geben darf: Männer mögen keine Hungerhaken." Sie schluckt und nickt nachdrücklich. "Das ist einfach so. Sieht man ja schon an Tante Annerose. Die hat auch nie einen gefunden, und wir wollen ja nicht, dass du wie sie endest. Eine dürre alte Jungfer in der Familie reicht schließlich."
Mit diesen Worten beendet sie ihren eloquenten, mit bestechender Logik geführten Vortrag, wirft sich das letzte Stück Gebäck in den Mund, kaut ausgiebig und betrachtet mich mitleidig.
Ich spüre, wie mir die Röte ins Gesicht steigt, ob aus Zorn oder aus Scham, kann ich nicht sagen.
"Ach, Tantchen, wie gut, dass du deine Lebensweisheiten mit mir teilst. Diesen Aspekt hatte ich bisher noch gar nicht bedacht, ich dumme, dürre alte Jungfer, und natürlich wüsste ich auch gar nicht, was ich tun sollte, würde ich keinen Mann finden. Apropos, ich hätte da ein paar Diättipps für dich."
Nur ein Scherz.
Am liebsten würde ich mir die Haut vom Leib reißen, so deutlich ist mir jedes Nanogramm meines Körpers bewusst.
Stattdessen löse ich mich aus ihrem Klammergriff, lächle mit ungefähr tausend Zähnen und gehe, ohne ein Wort zu sagen, davon, während das Blut in meinen Ohren rauscht.
mir ist gerade fast schlecht geworden, als ich das gelesen habe..
AntwortenLöschenich finde es einfach traurig und unverschämt und ich würde dich gerne in den arm nehmen
versuche, es nicht zu sehr an dich ranzulassen..
alles liebe
Liebe Anna,
AntwortenLöschenes ist immer wieder erschreckend, wie gedankenlos-böse Menschen sein können. Ich wünsche Dir, dass Du dieses Gespräch einfach vergessen kannst.
Außerdem möchte ich Dir sehr für Deinen Kommentar danken. Die Dämonen, als ich das Gedicht schrieb, waren sie tatsächlich sehr präsent. Manchmal bin ich sehr froh, die Möglichkeit des Schreibens zu haben.
Liebe Grüße, Pirandîl
Liebe Anna, danke für deine Worte <3. Ich kann sie nur schwer so stehen lassen und nicht JA ABER schreien, DU VERSTEHST MICH NICHT, wie es der renitente, kranke Anteil fordert. (Und jetzt habe ich es nicht gesagt und doch geschrieben, clever, was*ironieoff*? :-))
AntwortenLöschenEs ist schwer gerade. (Und ein Teil in mir denkt, ja Anna und alle anderen hier haben gut reden mit ihrem BMI dünn, auffallend dünn).
Zu deinem Blogeintrag fällt mir eine Postkarte ein, Frage: Gibt es etwas Schöneres als Familienfeiern? Antwort: Ja!
Es ist nicht nett, nach seinem Körper/Aussehen beurteilt, gewogen, definiert, untersucht, eingeordnet zu werden. Man fühlt sich so nackt und beschmutzt. Auch ausgeliefert, wenn sie glotzen und starren.
Es hilft dir bestimmt nicht viel, aber solche....solche alten Schwabbellabbelweibser gibt es in JEDER Welt*seufz* Sie haben nicht mehr viel anderes in ihrem vertrockneten Leben als das anderer Menschen.
Du aber, Anna, du - du lebst. Mit jedem Gramm mehr und selbst wenn es nicht mehr wird, du lebst. Weil du atmest, denkst, fühlst, liebst, schreibst, singst, träumst, lachst, willst, zauderst, tanzt, arbeitest, küsst, isst, sprichst.
Alles Liebe!!
deine anima
Wie man's auch macht, nie ist es richtig... Die Verwandten, die keiner so wirklich kennt, die aber die bescheuertesten Sprüche drauf haben, mag ich ja am liebsten *ironieoff Gerade die, die alle anderen wegen Sache xy kritisieren und alles besser wissen, es aber selbst nicht besser können.
AntwortenLöschenAbgesehen davon erinnern mich solche Szenerien immer an das hier, ich weiß nicht, ob das Lied was für dich ist oder ob du es kennst...
https://www.youtube.com/watch?v=m_qGuEfapa8
Lass dich von solchen ... Schrullen nicht unterkriegen. ♥
Alles Liebe dir. Pass bitte auf dich auf, imaginiere, wenn du magst ein flauschiges, rosafarbenes und glitzerndes Einhorn neben dich ;) uuund fühl dich ge*pling*t ♥
Liebste Anna, danke, danke für deine Worte, Erfahrungen und Ehrlichkeit!
AntwortenLöschenJa, es ist vermutlich die ES, die mich wieder so abwertet. Es waren extrem kräftezehrende Tage letzte Woche. Ich konnte nicht achtsam sein oder darauf hören, was mir das innere Chaos, der Schmerz zu sagen versuchte. Da war nur blanker Hass und, oh Gott, so viel Scham. Verzweiflung. WUT.
Da hätte ich Therapie gut brauchen können. Oder: ich hätte gute Therapie brauchen können *lach*
Sei lieb gedrückt!
Anima
Entschuldige, dass ich dir erst jetzt antworte, Anna!
AntwortenLöschenJa, die Texte handeln von mir und meiner Therapie bzw. meinem Entzug. "Krass" ist das richtige Wort. Das höre ich oft von den Menschen, denen ich davon erzähle. Aber für mich ist das nun die bittere Realität und ich muss lernen damit zu leben. Ich muss lernen, damit klar zu kommen. Irgendwie.
Fühl dich gedrückt und bleib' stark!
Lena
P.S.: Dieses "Tantchen" ist eine fürchterliche Person. Ich bewundere dich dafür, wie du mit ihr und der dieser schlimmen Situation umgegangen bist. Du bist so viel besser als dieser Mensch. Du bist ein Vorbild, Anna!
Oh Anna. Wie gemein und gehässig...! Und gleichzeitig: wie lächerlich. Im Prinzip torpedieren sie sich mit solchen Aussagen ja selbst. Schade nur, dass sie das so gar nicht merken. Bei uns läuft sowas unter dem Stichwort "die bucklige Verwandtschaft".
AntwortenLöschenIch schließe mich Achlys an: Lass dich von sowas nicht unterkriegen. Die haben keine Ahnung.
Ich hab noch ziemlich viel geweint. Ich vermisse sie ganz schrecklich und es bringt mich schier um, worum dieses Trauma und mein daraus resultierendes Vermeidungsverhalten uns beide gebracht hat. Es war sicher auch schwer für sie, zu verstehen, dass ich weggehen musste. (Und vielleicht hätte ich es ja doch aushalten können, also kommen dazu auch noch Schuldgefühle.)
Ja, der Satz hat mich auch ein bisschen aus den Socken gehauen, das fand ich schon ein bisschen übergriffig, aber ich war nicht mutig genug, ihr zu sagen, dass ich mir das überlegen möchte. Und verpflichtet fühle ich mich schon irgendwie. Sie ist ja trotz allem meine Mutter.
Es ist bestimmt eine gute Idee, dir die Zeit zu geben, die du brauchst, um mit der Information fertigzuwerden. Gelingt es dir denn, deine destruktiven und verzweifelten Anteile zu beruhigen?
Und danke für's Verstehen und alles <3
Ich denke an dich. Fühl dich umarmt, wenn du magst.
Liebe Anna,
AntwortenLöschenmir kommen diese Situation und diese Worte so bekannt vor. Ich habe zwar an sich kein Problem mit dem Essen o.ä., aber ich habe nunmal eine Figur bei der die meisten Menschen, welche einfach keine Ahnung haben, direkt meinen, ich sei magersüchtig oder ähnliches. Wenn mich solche Worte schon so fertig gemacht haben, dann kann ich mir ungefähr vorstellen, wie schlimm diese Worte und diese Situation für dich gewesen sein müssen. Ich hoffe, du kannst dich von diesen Worten distanzieren und dieses Gespräch einfach ganz schnell vergessen. Solche dummendummendummen Menschen haben einfach keine Ahnung und deswegen sind deren Sätze einfach nur lächerlich.
Anna, danke für deine lieben Worte! Auch wenn ich selber noch nicht stolz sein kann auf meine „Fortschritte“, so freut es mich doch irgendwie, wenn andere Personen diese Fortschritte sehen und anerkennen können.
Ich werde nun Anfang Mai auf jeden Fall noch das Vorgespräch in der zweiten Klinik wahrnehmen. Mit der Hoffnung, dass die Wartezeit dort kürzer ist und ich dort schneller aufgenommen werden kann.
Ich wünsche dir noch eine schöne neue Woche, die etwas Positives für dich bereithält!
Fühl dich umarmt,
Mira.
Hallo. Ich muss auch Dir gegenüber gestehen: Ich habe bei dem Post im Prinzip nur Bahnhof verstanden : ) Dir alles Gute!
AntwortenLöschenOkay, kapiert. Und ja, Du hast recht. Der springende Punkt ist: Ich liebe meine Freundin. Nur kann sie mir nicht das geben, was ich sexuell suche. Die Sache ist verzwickt. Und nervt langsam auch ganz gehörig. Aber bisher arrangiere ich mich mit der Situation. Dir einen schönen Tag!
AntwortenLöschenHey, Anna. Zugegeben, ich kenne deinen Blog noch nicht lange, aber nun muss ich dir schreiben.
AntwortenLöschenFamilienfeiern können echt dies sein. Wie kann dir die Frau nur soetwas sagen. Oh man, ich fühle mit dir. Ich hoffe der restliche Tag und die Verwandtschaft waren erträglicher.
LG, Iwik
Moin. Ja, grau ist bekanntlich alle Theorie. Aber wir reden über so Dinge nicht. Ergo: In die Röhre gucken ist angesagt. Aber ich weiß, dass ich recht ausgefallen suche. Von daher übe ich mich in Geduld. Schönen Sonntag Dir.
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