10.06.2015
[TW] Mutter, die erste.
Das Schneiden war das zweitschwerste Loslassen in meinem Leben. Heute habe ich andere Möglichkeiten, mich im Hier und Jetzt zu verankern, aber als ich mich dafür entschied, das Schneiden aufzugeben, erschien es mir, als stieße ich die einzige mir verbliebene Sicherheit in einer Welt voller Unwägbarkeiten weg, was diesen Entschluss mit zu dem Mutigsten macht, den ich je gefasst habe. Eine gute Freundin hat mich in einer ruhigen Minute einmal vorsichtig gefragt, ob "das" nicht wehtue, und dabei fast verschämt auf meine Arme gezeigt. Sie könne sich das nur nicht vorstellen, schob sie schnell und fast entschuldigend hinterher, wie man einen scharfen Gegenstand nehmen könne und... sie könne das nicht einmal zu Ende denken, denn allein davon werde ihr schon übel. "Eigentlich nicht", habe ich ihr geantwortet, und sie fragte, fast überrascht, weswegen ich es dann täte.
Obwohl ich nie direkt darüber nachgedacht hatte, hatte ich die Antwort sofort parat.
Weil es nicht um den Schmerz geht, sondern um das Blut.
Und das kam so.
Ich bin zwölf oder dreizehn. Es ist Sommer und brütend heiß. Als wir nach Hause kommen, ist keiner da, auch kein Zettel mit einer Nachricht. Wie so oft bin ich hin- und hergerissen: Bedeutet das, dass sie heute nicht mehr kommt und von mir erwartet, den Haushalt zu erledigen? Natürlich besteht immer noch die Gefahr, dass sie gegen zwei oder drei oder vier auftaucht, beide Arme voller Tüten und Pommes und Eis und Würstchen und wehe uns, wenn wir dann schon gegessen hätten.
Gegen halb zwei jammern die Kleinen dann so laut, dass ich beschließe, das Risiko einzugehen und etwas zu kochen. Ich stehe also in der Küche und schwitze, renne zwischen Töpfen und der Waschmaschine hin und her, rühre abwechselnd in der Soße und in den Nudeln. Dazwischen gieße ich die Blumen und nehme ich meiner Schwester die Kekse weg. Sorgfältig verschließe ich die Packung und ignoriere ihren empörten Aufschrei. "Es gibt doch gleich was, J. Warte noch einen Moment, ja?", versuche ich sie zu besänftigen. Wütend starrt sie mich an. "Wo ist die Mama?" "Die kommt sicher gleich. Nun geh mal zu den anderen, ich rufe euch dann.", sage ich fröhlich und bete innerlich, dass sie fern bleiben möge.
Eine halbe Stunde später haben alle gierig ihre Spaghetti verschlungen und sind anschließend lärmend nach draußen gestürmt. Ich lasse sie machen und räume das Geschirr weg. Gerade bin ich dabei, den hellen Holztisch von Tomatensoßenflecken zu befreien, als sich der Schlüssel im Schloss dreht.
Ich erstarre mitten in der Bewegung und lausche angestrengt.
Eine Menge Tüten knallen auf den Boden und mein Herz fängt wie wild an zu schlagen.
"Bin wieder daaahaaa!", trällert eine Stimme und meine Mutter schaut zur Tür herein. "Hallo.", sage ich vorsichtig und wische mir eine Strähne aus dem Gesicht. Ihr Blick fällt auf den Tisch und den Lappen in meinen Händen. Ich halte die Luft an und warte auf den Satz, der unvermeidlich folgen muss.
"Ihr habt schon gegessen?"
Und da sitze ich, wie die Maus in der Falle. Tausend Gedanken rasen durch meinen Kopf und ich glaube zu diesem Zeitpunkt noch, es gäbe etwas, irgendetwas, was ich tun könnte oder sagen, um das Unglück zu verhindern. Mir wird heiß und kalt und schlecht. Das Blut rauscht in meinen Ohren und ich höre nicht mehr, was sie sagt, wie lange sie redet. Die Zeit scheint eingefroren. Plötzlich steht sie neben mir und packt mich am Arm, mit einem Mal ist alles so laut und hell und so schnell, ich schnappe nach Luft, sie schreit und schüttelt mich, ich taumle nach hinten, bekomme eine Stuhllehne zu fassen, sie schlägt mir ins Gesicht, ich krümme mich nach vorn und Blut fließt aus meinem Mund, Blut fließt aus meiner Nase, Blut fließt über meine Hände und auf den hellen Holztisch und mit einem Mal ist alles in mir ganz still.
Ich merke noch, dass sie mich losgelassen hat, um mich herumgeht und sich entfernt, aber ich knie vor dem Tisch, ganz still, und beobachte, wie das Blut weiterfließt und langsam Pfützen bildet. Dunkler wird. Irgendwann tropft es nur noch leise und sanft und alles in mir ist so wolkig, so wattig, so egal, und für diesen Moment gibt es nichts auf dieser Welt, was mich jetzt noch berühren könnte, mich ängstigen könnte, mich bedrohen könnte, mir wehtun könnte. Wenn das Blut fließt, muss ich nicht fühlen.
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Und irgendwann und egal wie sehr man es versucht, manchmal kann und will man die Grausamkeit menschlichen Handelns nicht verstehen. So viele Erklärungen und Ausreden dafür sicherlich zu finden wären, nichts davon wäre auch nur annähernd eine Entschuldigung. Ich verstehe es nicht. Und es tut mir so leid. So unfassbar leid.
AntwortenLöschenHey,
AntwortenLöschenIch kann deine Zeilen so gut nachvollziehen...
Natürlich erlebte ich nicht die selben situationen aber dennoch weiß ich wie grausam, wie gewalttätig eine Mutter sein kann..Wie darauf narben auf der Haut und in der Seele bleiben und es schmerzt immer wieder zu lesen, dass andere auch so grausame Sachen erleben mussten.
Auch wenn ich dich nicht kenne...Fühl dich umarmt.
Liebe Anna,
AntwortenLöschendanke, dass Du diese Erinnerung mit uns teilst, es ist eine heftige Geschichte - um so heftiger, als dass man weiß, dass es eben keine erfundene, sondern eine wahre Geschichte ist.
Ich weiß viel zu wenig über Deine Mutter, es wäre anmaßend, etwas zu ihr zu sagen. Was ich aber sagen kann: es ist wirklich stark von Dir, dass Du das Schneiden aufgegeben hast.
Liebe Grüße, Pirandîl
Liebe Anna,
AntwortenLöschen20° sind perfekt, eventuell auch 18° aber da könnte man spontan entscheiden.
Drei Dinge.. Ich glaube ich kriege das Kleinschrittig hin.
Ich muss erstmal gucken wie jemand ohne psychische Erkrankungen denkt und das ist schon mal eine Aufgabe für sich.
Herbst klingt gut, außerdem ist das Licht da so schön und es gibt noch eine gewisse Restwärme, die auch sehr angenehm sein kann, weil sie unter 25° liegt.
Meine sind Herbst und Winter.
Im Winter herrscht Kuschel Stimmung und alles ist festlich. Wenn man Glück hat, liegt sogar Schnee und alle sind gut gelaunt (außer die Leute im Weihnachtsstress).
Man kann sich komplett einmurmeln und niemand findet es komisch, wenn man mit langärmligen Sachen durch die Gegend rennt und einem wird dabei nie zu heiß (okay es gibt Ausnahmen).
Es gibt viele leckere Sachen, die man aber auch gefliestentlich übersehen darf.
Ich weiß leider nicht was ich zu deinem Post sagen kann, was das alles ein bisschen weniger schlimm macht.
Ich kann dich in den Arm nehmen, falls es dir hilft und wenn nicht können wir zusammen eine heiße Schokolade trinken oder Milch mit Honig :)
XO Honey
Liebe Anna,
AntwortenLöschenweißt du, was mich beim Lesen am meisten berührt hat?
Dass du geschrieben hast, wie unglaublich mutig du warst. Und bist.
Wir wachsen an so vielem, glaube ich. Selbst im vermeintlichen Stillstand der Krankheit wachsen wir. Nur wohin? Vielleicht wächst man dabei im Kreis. Und je länger man ein krankes Verhalten ausübt, desto dichter werden die Kreise, sie werden zu Schlingen und Röhren und Tunneln.
Wenn man sich entscheidet, etwas anders als bisher zu machen, dann hat man einerseits noch die ganzen Schlingen an sich dran und andererseits keine Gebrauchsanweisung für das Neue. Das ist herausfordernd.
Dass man dennoch wächst und zwar plötzlich nicht mehr in Kreisen, sondern anders, sich dabei streckend und entwickelnd und das Licht wieder entdeckend - das stellt man häufig erst mit der Zeit fest.
Und dann kann man vielleicht sagen: Was war ich mutig. Und bin es noch.
Und dabei lächeln.
Und Erdbeeren essen. Und einen Schokokeks. Oder viele.
Weil man es kann.
Deine anima
Oh, scheiße. Das hattest du nicht verdient, du hast deinen Geschwistern Essen gemacht und dich um alles gekümmert. Hart wie deine Mutter reagierierte, was war denn für sie das Problem wenn ihr schon gegessen habt?
AntwortenLöschenBitte mache dir keine Vorwürfe, du hast Verantwortung übernommen und das ist toll!
Freut mich, dass du von dir sagen kannst, dass du die meiste Zeit okay bist :)
AntwortenLöschenWarum genau hast du nicht gedacht, 2015 zu erleben?
Danke ...
Dieser innere Zwiespalt was das Richtige ist und dann doch mit großer Wahrscheinlichkeit das Falsche zu tun ... es war nicht gerecht von deiner Mutter. Wie stehst du heute zu ihr?
Es ist stark von dir, dass du das Blut nicht mehr brauchst. Manche Dinge sind wie "eingeimpft" und irgendwann weiß man nicht mal mehr, wie man ohne gelebt hat. Aber du hast es gelernt ...
Ich denke an dich.
Lovely
Ich kenn das Gefühl, man freut sich mit Worten zu berühren und doch möchte man nicht, dass jemand das gleiche Leid empfinden muss. Man freut sich über das Verständins und zugleich möchte man es nicht.
AntwortenLöschenAber nun warten wir auf den Herbst und hoffen diesen Sommer schnell zu übersehen.
Und nun, dieser Post ich weiß nicht was ich sagen soll.. Ich kenne Gewalt aus eigenen Erfahrungen, aber nicht aus dieser willkür heraus, ihr hattet gegessen und mehr nicht .. das kann und will ich nicht verstehen.
Bleib Stark und bewahr dir deine Kämpfernatur, Sie hat dich so weit gebracht. Halt weiter durch!
liebste Grüße, question.