Natürlich wusste ich, dass wir nicht unbegrenzt Zeit haben, aber dennoch ist es ein ziemlicher Schock, als meine Therapeutin verkündet, wir hätten nur noch 5 Sitzungen.
"Es tut mir wirklich Leid, aber auch, was Verlängerung angeht, haben wir das Maximum herausgeholt."
Ich nicke, immer noch betäubt.
"Sie haben eine ganze Menge geschafft, aber eigentlich sind wir noch nicht fertig. Wir haben zwar einige Traumaprotokolle angefertigt, aber sind noch nicht wieder und wieder hindurch, damit sich Ihr Körper daran gewöhnen kann. Bei besonders schlimmen Situationen existiert nicht einmal ein Protokoll, weil ich ja nicht tippen will und kann, während Sie sich übergeben."
Sofort kommt die altbekannte Wut, auf mich und auf sie.
Das war ja klar, ich bin einfach zu langsam, nicht einmal das mit der Expo bekomme ich fristgerecht geregelt. Und hey, es wäre ihre Aufgabe gewesen, darauf zu achten, dass wir die Zeit gut einteilen! Das ist so unfair, ich habe mich darauf verlassen, und jetzt...!
Aber eigentlich bin ich ziemlich traurig.
Sie seufzt und legt den Kopf schief. "Hm... Frau O., Sie backen ja ziemlich guten Kuchen."
Verwirrt blinzle ich sie an.
"Naja.", fährt sie fort. "Wir könnten doch auch mal den einen oder anderen Kuchen gegen eine Stunde tauschen."
Energisch schüttele ich den Kopf. "Nein, das wäre vollkommen unethisch."
Verwundert zieht sie eine Augenbraue nach oben. "Wieso das denn? Ihre Kasse weigert sich und Sie haben momentan nicht das Geld, mich privat zu bezahlen. Dennoch brauchen Sie eine Therapie. Ich nage nicht gerade am Hungertuch und auch mir wurde in der Vergangenheit schon geschenkt, wo ich nicht bezahlen konnte. Folglich kann ich in meinem Angebot nichts Unethisches finden. Wissen Sie, ich sehe mich nicht nur als Ihre Therapeutin, sondern auch als Ihre Mentorin. Und ein Mentor verlässt seinen Schützling nicht nach einem gewissen Lebensabschnitt, ein Mentor ist ein Begleiter."
Wir besprechen dann noch, dass ich mich auf die Warteliste einer von ihr vorgeschlagenen Klinik zur stationären PTBS-Behandlung setzen lasse, da zwischen dem Abschluss meiner praktischen Ausbildung und der Prüfung einige Monate Zeit liegen. Die nächsten Termine sollen etwas weiter auseinander liegen, dazwischen bietet sie mir Telefon- und Mailkontakt an. Dennoch...
Zu Hause rolle ich mich im Bett zusammen und weine und weine.
Du sitzt am Bettrand, streichelst meine Hand und weinst ein bisschen mit. "Ich bin auch furchtbar traurig, dass es zu Ende gehen soll. Mir ist klar, dass es deine Therapeutin ist, aber ich kenne sie ja auch ein bisschen und sie ist so toll."
"Vor allem quält mich das Gefühl, dich vollkommen enttäuscht zu haben."
Kurz drückst du meine Finger. "Aber wieso denn das?"
"Vermutlich hätte ich mehr von mir erwartet - mehr Fortschritte, schnellere Besserung und so weiter. Nach wie vor habe ich den Eindruck, dir ein Klotz am Bein zu sein. Ich wünsche mir für dich, dass du eine fröhliche, zufriedene, normale Freundin hast."
"Ach Anna. Ich bin doch ein erwachsener Mann, der selbst entscheiden kann, was er will. Und ich will nun mal nicht irgendeine Freundin - ich hab dich genau so lieb, wie du bist. Im Übrigen", fügst du hinzu. "Du BIST größtenteils fröhlich und zufrieden. Viel mehr als vor einem oder zwei oder fünf Jahren. Du hast große Fortschritte gemacht, und die sehe ich."
"Aber auch du bist traurig, dass die Therapie zu Ende geht."
"Klar. Das liegt vor allem an deiner Therapeutin. Es gibt für mich einfach niemanden, der dir so gut getan hat wie sie."
"Doch. Dich."
Ohje das klingt echt traurig ... Verstehe dich so gut! Fühl dich lieb gedrückt :* deine Therapeutin scheint echt lieb zu sein!
AntwortenLöschenDanke für deine lieben Wünsche :* bald kommt der erste Post aus Japan :)
ganz ganz liebe Grüße :*
Liebe anna, oh wie gut kann ich dieses Gefühl nachempfinden! Viel zu gut. Die therapeutische Beziehung ist mit nichts zu vergleichen. Ich finde es eklig, wenn man versucht, dafür Begriffe zu finden wie Übertragung und Gegenübertragung und damit so tut, als ginge es nicht tatsächlich um den Menschen gegenüber, sondern nur um neuronale Prozesse, die das Gehirn mal eben vertauscht. Es GEHT um den Gegenüner! Und der kann viel Negatives anrichten (was du ja auch schon durchgestanden hast...) und viel, viel Gutes.
AntwortenLöschenMeine therapeutin in der Klinik ist so ein wundervoller, unglaublich empathischer Mensch und hat mir viel gegeben. Durch ihr Dasein als Frau, nicht als Therapeutin. Das auch. Sie fehlt mir oft so sehr. Ich darf ihr mailen, dann schreibt sie zwei Sätze zurück. aber sie würde sich nie von sich aus melden...was bestimmt gut ist (therapeutische Abstinenz, haha), aber ach, sie fehlt mir! Dann werde ich eifersüchtig auf unbekannte Patienten, denen sie jetzt vielleicht gerade Taschentücher reicht und mit schiefgelegtem Kopf ganz aufmerksam zuhört und mitfühlt. Pffff. Dann denke ich noch kindischer daran, dass ich ja so TUN könnte, als sei ich wieder akut bulimisch und einen Klinikantrag stellen....sehr reif *gg*
Ach, das abschiednehmen von solch einer Person ist so schmerzhaft! Liebste anna, ich verstehe dich!
Lass dich umarmen!!
Oh nein, vor diesem Moment fürchte ich mich schon seit Jahrren. Glücklicherweise bekomme ich nun doch noch eine zweite Verlängerung, aber irgendwann ist ja mal Schluss...
AntwortenLöschenDass du hin und wieder noch kommen darfst, finde ich aber so lieb von deiner Therapeutin! Du weißt ja, dass ich meine extrem mag, ob sie so etwas tun würde, weiß ich nicht. Dann muss deine Therapeutin dich schon sehr mögen, sonst hätte sie dir so etwas sicherlich nicht angeboten.
Ich drücke dir jedenfalls ganz feste die Daumen, dass du moglichst bald einen stationären Therapieplatz bekommst.
Alles Liebe ♡
wie lange warst du bei ihr?
AntwortenLöschenecht ekelhaft wie menschen über schicksale von menschen entscheiden ohne die Geschichte zu kennen. Ich versteh das einfach nicht wie die sowas verantworten können.
Ich hoffe du findest deinen weg ♥
Liebe Anna,
AntwortenLöschenüber das Verhältnis zwischen Therapeut und Patient vermag ich nicht viel zu sagen, darüber weiß ich zu wenig, doch Deine Reaktion zeigt deutlich, dass es sehr viel mehr ist, als ein simples Arzt-Patienten-Verhältnis.
Wozu ich aber etwas sagen kann, ist dies: Was zwischen Dir und Deinem Partner besteht, ist unglaublich schön und wertvoll. Auch wenn Du vielleicht nicht viel Geld hast (wer hat dass schon), Du bist eine reiche Frau.
Liebe Grüße
Pirandîl
Liebe Anna,
AntwortenLöschenich kann sehr gut nachvollziehen, wie du dich mit dieser Situation fühlst.
Das Angebot deiner Therapeutin finde ich wirklich sehr lieb. Du scheinst ihr also wirklich wichtig zu sein. Das ist toll! :)
Und mindestens genauso toll finde ich die Beziehung zwischen dir und deinem Partner. Dass er dir so gut tut. Das ist wirklich etwas sehr wertvolles!
Alles Liebe <3