Seiten

29.09.2015

Angst.

Nach der Zeit der lähmenden, schwarzen Depression kommt die Phase fieberhafter Aktivität.
In einer Akutklinik wurde mir vor vielen Jahren eine manisch-depressive Erkrankung diagnostiziert, weil ich so unruhig war, ständig in Bewegung, und tagelang nicht schlief.
Das ist es nicht.
Es ist schlicht die Angst, die mich hektisch werden und in blinden Aktionismus verfallen lässt. Die ständige Angst führt dazu, dass ich mich unwohl fühle, noch unwohler als sonst. Das lässt sich sehr deutlich an meinem Aktivitätsniveau ablesen (und es hat nichts mit der Anorexie zu tun. Hoffe ich zumindest.)
Es ist nicht so, als hätte ich mein Sportpensum drastisch gesteigert. Es geschieht eher langsam, fast unbemerkt. Erst ist es dieses Lass-mal-schnell-die-Treppen-nehmen, dann ein Ach-das-schaffe-ich-schon-zu-Fuß-so-weit-ist-es-doch-nicht, schließlich kommt das Drei-Mal-in-den-Keller-rennen-für-Marmelade-ach-jetzt-hab-ich-das-Salz-vergessen und schließlich das Auf-der-Stuhlkante-sitzen-und-unaufhörlich-mit-den-Beinen-wippen.
Und es wird mehr, mehr, mehr.
Aus der Badewanne springe ich nach fünf Minuten wieder hoch, länger als ein Kapitel halte ich meine Lektüre nicht durch, um zwei gehe ich zu Bett und spätestens um sieben liege ich hellwach in meinem Bett, mit Herzklopfen so laut wie Hammerschläge.
Für meinen Urlaub hatte ich mir Tee und Bücher angeschafft und der Plan sah vor, sich nicht vom Sofa weg zu bewegen, solange es sich vermeiden lässt. Stattdessen putze ich Wohnung und Auto, sortiere Kleider aus, koche und backe, besorge Geschenke, organisiere Verabredungen, renne hin und her und wieder zurück, und das Herz schlägt klopfklopfklopf. Und wenn es wirklich gar nichts mehr zu tun gibt, wenn Beine und Hände anfangen zu zittern, dann fliehe ich.
Stundenlang kämpfe ich mich durch orkanartige Böen, verbissen immer weiter in die Pedale meines Rades treten, nur um nicht mehr denken und fühlen zu müssen, in der verzweifelten Hoffnung, die Angst hinter mir zu lassen, wenn ich nur weit genug komme.
Aber wohin ich mich auch wende, sie ist immer schon vor mir da.

8 Kommentare:

  1. ich glaube angst ist eins der gefühle, eine der illusionen, über die man am allerschwersten hinwegkommt. ich wünsche dir von ganzem herzen, liebes, dass du dich irgendwann von ihr befreien kannst, dich sicher und gehalten weißt. und schicke dir viel liebe dahin, wo du gerade bist. ♥

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Anna, ich bin gerannt. Wenn di angst kam, versuchte ich schneller zu sein und rannte, rannte weit und lange, bis ich nur noch Schweiss und Atemnot und Herzrasen war. Für Momente war ich sicher. Doch sobald der Stress abfiel, sobald sich der Puls normalisierte, kroch die angst zurück ins Denken und Fühlen und trieb mich um. Angst ist eine so machtvolle Kraft. Und vermutlich archaisch der Impuls zu fliehen. aber wenn man versucht vor den eigenen erinnerungen zu fliehen, kann man nie schnell genug sein.
    Liebe anna, atmen. Weiter atmen. Vielleicht vergisst du das immer wieder und zu wenig Sauerstoff macht auch angstsymptome. Darum atmen.
    Teste es doch einmal aus, schaff dir einen sicheren Ort (Bett), mit allem was du brauchst (Tee, Hörbücher, Buch, Musik, Igelball, Rätsel, Schokolade, Kuscheltier, Lieblingsduft, Chilli, Kekse, Handy....) und kuschel dich hin. Das ist deine Burg. deine festung. Spürst du die angst wie langgliedrige insekten unter der Haut? Sie kann dir nichts tun. Atme, atme tief ein und aus. Mach das Fenster auf (mache ich immer, weil kalte Luft hilft atmen!). Atme. Mach die Musik an und lasss dich tragen. Blättere in einem Buch, das du schon kennst und lächle über vertraute Zeilen. Trink etwas Tee. Er ist heiss. Iss etwas Schokolade. Süß. Zart im Mund. Sing leise mit. Beweg den Igelball auf deiner Haut. Erlaube dir im Jetzt zu sein, Anna.
    Ich drücke dich

    AntwortenLöschen
  3. Das liest sich extrem stressig. Hoffentlich ist die Phase bald wieder etwas weniger schlimm und du kannst Buch und Tee wieder genießen.
    Ich denke an dich. KiBa

    AntwortenLöschen
  4. Meine Therapeutin hat so ein großes Bücherregal im Zimmer stehen. Da ich ziemlich viel geschwiegen habe, hatte ich oft Zeit, die Titel der Bücher zu lesen. Nach kurzer Zeit konnte ich die Titel in der aufgelisteten Reihenfolge aufsagen, so ist mir immer aufgefallen, wenn sich ein neues Buch dazu geschoben hatte.
    An irgendeinem Tag, ich weiß nicht mehr, was da war, aber ich habe mich sehr ängstlich und unruhig und klein gefühlt, fiel mir das neue Buch auf:
    Wer vor dem Schmerz flieht, wird von ihm eingeholt.
    Ich wollte ihr sagen, dass ich den Titel schrecklich pathetisch und kitschig finde. Und sie fragen, wohin man sonst soll, wenn nicht fliehen.
    So ist es vielleicht auch mit der Angst. Ja, wer flieht, wird eingeholt. Aber wer nicht flieht, begegnet ihr auch.
    Vielleicht ist sie einfach da, die Angst.
    Und vielleicht kann man sich ihr besser stellen kann, wenn man dabei nicht rennen muss.

    Irgendwie eine interessante Begegnung, die du da hattest.
    Es heißt, man findet sich immer irgendwo in Geschichten wieder, oder? Kann sich identifizieren. Hast du dich in der Möwe wiedergefunden?
    Was mich betrifft: Ich glaube, ich bin der Wind, der die Möwe umherschleudert. Gar nicht böswillig, einfach nur, weil er ist wie er ist. Und ich selbst bin vielleicht auch die Möwe, teilweise, aber grade bin ich viel zu viel Wind und viel zu wenig Möwe, um das gut mitzubekommen.

    Danke Anna, für die Mühe und die vielen Worte,

    Anna

    AntwortenLöschen
  5. Liebe Anna,
    na klar, am Ende kommt Fliegen, denn auch wenn es manchmal nicht so wirkt, ich arbeite stetig an mir. Es sind eben viele Baustellen, an denen ich arbeiten muss. Ich strenge mich an!
    Merci für deine Tipps. Ich weiss nicht, eigentlich ist das Bett ja mein Lieblingsort. Ich würde, wenn ich könnte, sogar im Bett üben:)
    Ich habe schon als Kind immer im Bett Hausaufgaben gemacht, gelesen, geträumt, gewartet, mich versteckt. Das ist heute noch so.
    Ich studiere im Bett Noten, Partituren, lese, höre Musik, Youtube, sogar meine Masterarbeit schrieb ich im Bett.
    Ja, ich besitze einen Tisch:) Meinen Freund macht es wahnsinnig, dass ich all diese Dinge im Bett erldige, aber das habe ich halt schon immer so gemacht.
    Vllt sollte ich daran mal arbeiten. Aber es ist halt so gemütlich:)

    Puh, das klingt anstrengend, bei dir. Hoffentlich kannst du irgendwie zur Ruhe kommen:/

    Drück dich,
    Emilia

    AntwortenLöschen
  6. Liebe Anna,

    das was du beschreibst, kenne ich auch sehr gut. Diese Angst, die irgendwie fast an einem klebt und sich nicht abschütteln lässt, einem überall hin folgt und einen an jeder Ecke schon erwartet. Bei mir ist es übrigens sehr ähnlich wie bei dir, dass da die Aktivität hochgefahren wird wie sonst was.
    Es wird wieder vorbeigehen. Ganz sicher. Die Angst wird wieder kleiner und weniger werden - und dann kannst du sie in deine Hand nehmen und mit all deiner Kraft in die Ecke werfen, wo sie sich dann erst einmal verkriechen wird und so schnell nicht wieder hervorkommt!

    Ich lasse dir noch eine liebe Umarmung da (die übrigens angstundurchlässig ist) ♥

    Alles Liebe,
    Mira.

    AntwortenLöschen
  7. Angst ist ein Wort, welches mich auch verfolgt. Manchmal frage ich mich, wie mein Herz eigentlich noch schlagen kann; der Schlafmangel und der Stress, den du hier ja so einwandfrei erklärst, sollten doch ihr Übriges tun, oder?

    Wahrscheinlich sollte ich dir jetzt Entspannung wünschen, doch weiß ich nicht, ob diese Worte irgendetwas bringen. Du bist ein starker Mensch und ich bin mir sicher, dass du auch diese "Phase" meistern und überwinden wirst.
    Bitte gib nicht auf.

    Liebe Grüße
    Emaschi

    AntwortenLöschen
  8. Hihi, danke. Cool, dass dir das mit dem Tag aufgefallen ist. :D

    Wegen den Tipps, jaaaaa, probier' das ruhig. Schlecht lesen tut es sich auf jeden Fall nicht. :)

    Ich denke an dich

    AntwortenLöschen