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12.09.2015

To bring the pieces back together.

Nachdem ich ungefähr hundert Mal mit einem "Und dann..." angefangen und um Atem ringend wieder abgebrochen habe, schlägt sie eine kurze Pause vor. Mir ist schlecht und schwindelig, aber noch bleiben Körperschmerz und Erbrechen aus, auf die ich die ganze Zeit schon angespannt warte. Trotzdem nicke ich dankbar, kämpfe mich aus Decken und Kissen und husche ins Badezimmer.
Während ich mir kaltes Wasser über die Handgelenke laufen lasse, um meinem Kreislauf wieder etwas auf die Sprünge zu helfen, fällt mein Blick auf den Spiegel und ich erschrecke ein bisschen. Ich sehe furchtbar blass und mindestens zehn Jahre jünger aus. Mein Haar ist wirr, meine Augen glänzen fiebrig. Kurz presse ich mir die vom Wasser kalten Finger gegen die Stirn und bemühe mich um eine ruhige Atmung, bevor ich den Raum wieder verlasse.
Langsam und etwas unsicher auf den Beinen tapse ich zurück ins Therapiezimmer, wo ich mich erst ungeschickt in die Decke einwickle und dann ein paar Zentimeter von ihr entfernt wieder vorsichtig auf den Kissen niederlasse.
Sie schaut mich an. Lieb und besorgt, so, wie sie immer schaut.
In meinem Hals kratzt und brennt es. Irgendetwas ganz Schreckliches und Großes kriecht mir Magen und Luftröhre hoch und bevor ich mich selbst bremsen kann, kullern auch schon die Worte aus mir heraus, die schon so lange irgendwo tief drin eingesperrt waren:
"Darf ich Sie mal kurz drücken?"
Sie strahlt übers ganze Gesicht. Direkt und offen und ehrlich, auf ihre ganz besondere Art.
"Sie dürfen mich auch sehr gern mal lang drücken!"
Kaum berührt meine Stirn ihre Schulter, steigt in mir ein Schluchzen hoch. Das Große und Schreckliche will nach draußen.
Es tut so weh.
Verzweifelt versuche ich zu schlucken, dieses Etwas samt dem Schmerz wieder hinunterzuwürgen, weil es nicht da sein darf, es hat kein Recht dazu, ich habe kein Recht dazu, mich schlecht zu fühlen, es soll weg sein -
Sie hält mich ganz fest, streichelt mich und murmelt: "Nicht festhalten. Einfach loslassen."
Da lasse ich los.
Das Etwas drückt durch Augen und Nase und Mund. Rücksichtslos bahnt es sich seinen Weg und presst dabei das Zwerchfell zusammen, drückt das Herz zur Seite und quetscht all die anderen Organe. Es überflutet Körper und Bewusstsein und dringt bis in die letzten Zellen vor. Zwischendurch merke ich immer wieder, wie ich die Luft anhalte, weil die Lunge vor lauter Schmerz keinen Platz mehr in meinem Körper zu haben scheint.
Nicht eine Sekunde lang lässt sie mich los. Sie hält mich fest in ihren Armen, drückt mich, streichelt über Haar und Wangen und flüstert ab und zu beruhigende Worte. Es ist warm und sicher hier, so viel Geborgenheit und Zuneigung und Nähe. Das macht es gleichzeitig besser und schlimmer.
"Sie wollten lieb gehabt werden und die beiden wichtigsten Menschen in Ihrem Leben haben das ausgenutzt und Ihnen schlimm wehgetan. Das ist eine ganz große Verletzung. Zwar kann ich diese Qualen nicht wegzaubern, aber ich kann Sie durch den Schmerz begleiten, Ihnen zur Seite stehen."
Ich schluchze und zittere. "Doch, ein bisschen gezaubert haben Sie schon."
Und das stimmt. Durch den Schmerz, durch die Verletzung, das Trauma im wortwörtlichen Sinne, spüre ich deutlich, dass sie mich genau so, wie ich bin, hält und wertschätzt. Egal was war oder ist oder noch kommt.
Dass sie mich wirklich, wirklich, wirklich lieb hat.
Es ist das schönste Gefühl auf der ganzen Welt.

5 Kommentare:

  1. Du bist so tapfer. <3 :)

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  2. Liebe anna, du bist so mutig und so tapfer und ich bin stolz auf dich, wie du wächst. Ich konnte diese Szene so deutlich vor mir sehen und ein bisschen sah ich auch mich, an einem anderen Ort, aber mit ähnlichem schmerz, fast zerrissen werden, von dem wunsch nach Trost. Von dem wunsch, der doch eigentlich nicht sein darf, weil man es doch gar nicht verdient hat, sondern den Schmerz, den hat man verdient! und dann doch diese stummgemachte sehnsucht danach, getröstet zu werden. Zu weinen und nicht allein zu sein, wenn man fällt. Ich für mich glaube ganz ganz fest, dass diese Erfahrungen mich viel, unglaubloch viel weiter gebracht haben als jede Therapieblaupause. Dass da jemand, der mir wichtig geworden war, da war und da blieb. Sie sagte einmal zu mir: "Damals waren Sie alleine. Heute sind wir da und wir lassen sie NICHT alleine."
    Diese erfahrung(en) sind heilend. Sie sind die kleinen Brücken, die den Weg zurück in eine welt bereiten, in der wir sein dürfen, mit unserem Ich, in der wir okay sind und mehr, in dem wir eine würde haben, die es zu respektieren und zu achten gilt.
    Anna, Annamädchen, du bist mir wichtig!

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  3. Liebe Anna,

    Du bist tapfer und stark.

    Dein Text vermittelt sehr eindringlich, wie schrecklich und zugleich befreiend dieser Moment für Dich gewesen sein muss.

    Ich sage es gerne noch einmal: Keine Macht den Dämonen!

    Liebe Grüße,

    Pirandîl

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  4. Liebe Anna,
    ich habe deinen Blog über Aryadne's Blog gefunden und lese schon eine Weile still mit. Dieser Eintrag hat mich sehr berührt, es war sicher nicht leicht und sehr schmerzhaft, aber dass du jemanden hattest, der dir dabei beisteht und hilft klingt total gut.
    Liebe Grüße
    E.

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