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27.10.2015

F&A / edit.

Liebe Butterfly,
du hattest ein paar Fragen zum Thema Psychologiestudium und Psychotherapeutenausbildung gestellt. Ich antworte einfach mal per Blogeintrag - vielleicht interessiert es ja noch andere LeserInnen.

1) Bist du schon voll ausgebildete Therapeutin oder noch im Studium/Ausbildung?
Ich habe einen Masterabschluss in Psychologie und bin etwa zur Hälfte mit der Ausbildung in Verhaltenstherapie für Erwachsene fertig.

2) Du hast schön öfter erwähnt, dass du mit "Klienten" zusammen arbeitest, also therapierst du schon richtig?
Ja, ich arbeite in einer psychosomatischen Klinik und habe dort eigene Patientinnen, mit denen ich Einzel- und Gruppengespräche führe.

3) Hast du vor, dich auf einen Bereich zu spezialisieren (und wenn ja, welchen?)
Ich bin noch nicht endgültig sicher, ob ich "rein" therapeutisch arbeiten möchte. Das macht zwar Spaß, mich interessiert darüber hinaus jedoch vor allem der forschungsorientierte forensische Bereich. Nur braucht man streng genommen auch dafür die Therapeutenausbildung, da selbst einfache diagnostische Tests als "Heilkunde" gewertet werden. Führt man diese ohne entsprechende Berechtigung (Approbation) aus, kann man mit bis zu 2 Jahren Gefängnis bestraft werden. Am liebsten wäre mir eine teils-Forschung-teils-Therapie-Stelle.

4) Wird man in dem Beruf überhaupt ernst genommen, wenn man noch so jung ist? 
Im Aufnahme- oder Erstgespräch kommen immer wieder Frage oder Anmerkung wie "Sie sind aber noch ganz schön jung, sind Sie überhaupt dafür qualifiziert, Ihnen fehlt doch bestimmt noch die Lebenserfahrung" usw. Manchmal geben die Patienten auch am Ende zu, dass sie anfangs Bedenken wegen des Alters hatten. Diese verlieren sich aber in aller Regel spätestens beim 2. Gespräch - Ausnahme sind gelegentlich Patienten mit narzisstischen Störungen, aber die finden ja immer was zu meckern.

5) Triggert es dich nicht manchmal, was du von den Klienten hörst?
Nein. Meine Privat- und meine Therapeutenrolle sind klar getrennt. Ich arbeite viel mit EsspatientInnen und kann auch Exposition zu traumatischen Dingen machen, die ich selbst erlebt habe, ohne das Verlangen zu hungern oder Flashbacks zu bekommen. Da ist die gute Dissoziationsfähigkeit sehr hilfreich :)

6) Gibt es welche, die du mehr oder weniger magst?
Ich gehe davon aus, dass du PatientInnen meinst? Im Gruppenkontakt komme ich, wie wohl viele andere TherapeutInnen, schlecht mit Narzissten zurecht. Vermutlich brauche ich da noch mehr Übung. Ansonsten behandle ich gern reflektiertere PatientInnen mit schwierigen Störungsbildern wie z.B. Essstörungen. Dafür ist mit den weniger Reflektierten die Therapie häufig nicht so anstrengend, weil weniger in die Beziehung investiert werden muss und sich schneller Behandlungserfolge abzeichnen. Die Mischung macht es wahrscheinlich. 

7) War deine Motivation, anderen zu helfen, als du dich entschieden hast, das zu studieren, oder war es mehr ein Interesse an der menschlichen Psyche / den Lebensgeschichten?
Es war mehr das Interesse am Fach. Die Uni bildet nicht zu Therapeuten, sondern zu Wissenschaftlern aus, was ich vorab wusste und was mir auch sehr entgegen kam, da ich nach wie vor besonderes Interesse für den Bereich der Forschung habe.
"Helfen" - jein. Das ist ein schwieriges Thema, und sicher haben viele ÄrztInnen und TherapeutInnen einen "Helferkomplex", in dem sie sich komplett für die Arbeit und für andere Menschen aufgeben. Ich würde behaupten, meine Einstellung ist in diesem Punkt verhältnismäßig gesund. Natürlich helfe ich gerne, ich arbeite gern mit Menschen und freue mich über deren Fortschritte. Jedoch bin ich nie der Illusion erlegen, dass man als Therapeut ein Halbgott im Strickpulli sei. Ich verstehe mich als wohlwollende Wegbegleiterin, nicht als Retterin. Einen solchen Selbstanspruch halte ich für höchst problematisch, da sie einen im Verlauf des Berufslebens häufig demotiviert und die Patienten unter Druck setzt. (Ganz nach dem Motto: "Jetzt muss die Depression doch endlich weggehen, nach allem, was ich als Therapeutin in dich investiert habe!")

8) Oder vielleicht auch ein bisschen der Wunsch, sich selbst zu verstehen und oder zu heilen? 
Das definitiv nicht. Man kann sich als PhysiotherapeutIn schließlich auch nicht selbst den Rücken wieder einrenken. Nicht ohne Grund ist Voraussetzung für jede staatlich anerkannte Ausbildung die sogenannte Selbsterfahrung oder auch Lehrtherapie, in der es darum geht, sich eigenes Verhalten und Denken und dessen Einfluss auf die eigene Therapie bewusst zu machen. Dies findet jedoch in aller Regel im Gruppensetting statt. Natürlich ist es wichtig, sich zu reflektieren, um nicht Dinge auf den Patienten zu projizieren, die eigentlich vielmehr mit eigenen Themen zu tun haben - das ersetzt aber keine Therapie von Problemen mit Störungswert. Sich allein durch das Studium selbst besser zu verstehen, ist sowieso hochgradig unrealistisch. Dabei geht nämlich überhaupt nicht um Therapie, sondern, wie oben erwähnt, rein um Wissen.

9) Ist so ein Studium nicht irgendwie furchtbar anstrengend, wenn man über so viele Dinge spricht, die man schon aus Kliniken und der eigenen Therapie kennt?
Das empfinde ich persönlich nicht so. Im Psychologiestudium werden, wie schon erwähnt, keine therapeutischen Strategien oder Ähnliches vermittelt. Der Schwerpunkt liegt (oder zumindest ist es so an meiner Uni so) auf wissenschaftlicher Methodik - Statistik, experimentale Methodenlehre, neurologische Methoden wie MRT, EEG, fMRI, teilweise auch PC-Programmieren. Das, was der Arbeit im klinischen Bereich vielleicht am nächsten kommt, sind Einführungen in Klassifikationssysteme und Persönlichkeits- und Intelligenztestung. Die meisten Seminare und Vorlesungen folgen dem Leitsatz "Friss oder stirb" - sie dienen lediglich dazu, Lust auf das Auswendiglernen der zehn Pflichtlektüren zu machen. Eigenverantwortung und Bulimielernen ist gefragt. Wer sich ein Kuschelstudium vorstellt, liegt grundlegend falsch. Auch gegenüber den KommilitonInnen werden kräftig die Ellenbogen ausgefahren, unter anderem aufgrund der begrenzten Masterplätze. Ich hatte aber das Glück, bei einer sehr netten, entspannten Gruppe Anschluss gefunden zu haben. Die gibt es natürlich auch!

10) Wissen deine Klienten (oder manche), dass du selbst auch die andere Seite kennst?
Nein, bisher hielt ich das bei keinem für angebracht. Eine therapeutische Beziehung unterscheidet sich meiner Auffassung nach grundlegend von einem privaten Verhältnis. Ich als Therapeutin mache dabei das einzigartige Angebot, mich in unserem Kontakt als Mensch mit meinen Bedürfnissen und Wünschen komplett zurückzuhalten, um den Raum frei zu lassen für das Innenleben des anderen. Natürlich gebe ich Rückmeldungen und spiegele Verhaltensweisen, jedoch dient dieses Feedback ausschließlich dem Zweck, dem Patienten weiterzuhelfen, niemals irgendwelchen persönlichen Motiven (und das ist wirklich schwierig - immerhin bin ich auch ein Mensch mit Gefühlen!). Wenn ich irgendwann einmal der Meinung sein sollte, dass es hilfreich für den Patienten wäre, zu wissen, dass ich auch die andere Seite kenne, und ich davon ausgehe, dass dieses Wissen die therapeutische Beziehung nicht beeinträchtigt, würde ich es sagen. Niemals aber würde ich aus Eigennutz oder unkontrollierten Emotionen darüber berichten, z.B. weil mir ein/e PatientIn so sympathisch erscheint oder aus Wut über den Satz:"Sie können das ja nicht verstehen, Sie sind ja nicht betroffen." Das empfände ich als hochgradig untherapeutisch und gefährdend für den Patienten oder die Patientin.


11) Hattest du schon mal PatientInnen, bei denen du bei dem Erstgespräch das Gefühl hattest, dass es nicht "passt"? Falls ja, wie bist du damit umgegangen?
Ja, ich hatte schon einige im Erstgespräch, die mir nicht so sympathisch waren. In aller Regel löst sich das aber sehr schnell auf, wenn man das Gegenüber in den folgenden Gesprächen besser kennen und verstehen lernt. Nur zwei Mal ist es mir passiert, dass sich die Abneigung nicht verflüchtigte, das war aber beides Mal im stationären Kontext, wo ich keine(n) PatientIn ablehnen kann. Da habe ich mich als Person beinahe komplett zurückgehalten und versucht, meinem Gegenüber so neutral wie möglich zu begegnen. Scheint auch funktioniert zu haben, denn sie waren bei Entlassung beide trotzdem zufrieden mit mir. Im ambulanten Setting würde ich in die Probatorik abwarten und im Zweifelsfall mit dem Patienten oder der Patientin besprechen, dass ich nicht die richtige Therapeutin für ihn oder sie bin und jemand anderen empfehlen.

12) Darf ich fragen, wie du das mit Narben machst?
Ich trage lange Ärmel, so lange es geht, quäle mich aber nicht unnötig. Wird es zu heiß, trage ich auch T-Shirt. Glücklicherweise waren die meisten Armnarben von Beginn an nicht sonderlich auffällig, nach mehreren Jahren sind sie nun fast verblasst. Angesprochen darauf hat mich noch niemand. Hingegen achte ich darauf, keinen Ausschnitt und mindestens knielange Röcke zu tragen, da die Narben am Oberkörper und an den Beinen leider sehr deutlich sichtbar sind.

Wenn noch mehr Fragen da sind, nur zu, ich ergänze dann :)

6 Kommentare:

  1. Oh, wow, da schieb ich die Fragen schon so lang vor mir her und trau mich nicht sie zu stellen und siehe da, mach ich es doch, krieg ich direkt so ausführliche Antworten (dabei hab ich nichtmal dein Facts & Fiction gewonnen :D)

    Irgendwie ist das... Spannend. Danke auf jeden Fall!!!

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  2. Wow, das ist echt interessant und deine Haltung zum Job klingt so unheimlich reflektiert. Du bist bestimmt eine tolle Therapeutin.
    Mich würds das Forensische auch eher interessieren. Echt spannend, was so alles in Kopf und Körper eines Menschens aus unterschiedlichsten Gründen passiert.

    Falls du ab und an über das Thema, also allgemein über deinen Job, aber auch Ansichten usw berichten würdest, fände ich das echt cool.

    Liebe Grüße!

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  3. Ach: Eine Frage hätte ich auch noch...

    Hattest du schon mal PatientInnen (finde es gut dass du genderst), bei denen du bei dem Erstgespräch das Gefühl hattest, dass es nicht "passt"? Falls ja, wie bist du damit umgegangen?

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    1. Cool, dass du das beantwortet hast. Hört sich, finde ich, sehr professionell an.
      Hoffentlich kommt das auch zukünftig nicht so oft vor, dass es nicht so recht hinhauen will.
      Liebe Grüße

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  4. Das ist echt lieb, dass du dir so viel Zeit dafür genommen hast - Danke!
    Super interessant!
    Darf ich fragen, wie du das mit Narben machst?
    Ich lasse dir mal eine Tasse Tee und eine dicke Umarmung aus der Stille da!

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  5. Liebe Anna,
    das war gerade sehr interessant zu lesen, danke!
    Danke auch für deinen Kommentar, ich finde es gut, dass du auf dich achtest und einfach das tust, dass dir möglich ist. Ich hab da manchmal echt noch Probleme meine Grenzen rechtzeitig zu erkennen und einzuhalten.
    Ganz liebe Grüße an dich!

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