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03.10.2015

How to trigger an avalanche.

Meine Finger krampfen sich um das Kissen, doch ich blicke weiter stur geradeaus und rede, rede langsam und stockend; ich probiere vorsichtig die verschiedenen Silben und korrigiere, auch mehrmals, wenn der Geschmack nicht harmoniert; ich reihe die Wortteile aneinander wie Backsteine und verstreiche sorgfältig Pausen als Mörtel. Buchstabe für Buchstabe mauere mich hinter meinen Worten ein. Wie eine stumme Wand stehen sie zwischen uns, und wenn ich besonders intensiv an der Therapeutin vorbeischaue, dann kann ich so tun, als gehörten diese Worte nicht zu mir. Dann kann ich ganz überrascht sein, mich mit ihr zusammen über die Sätze wundern, ganz so, als sei ein Fremder unbemerkt ins Zimmer gelangt, habe den Raum zwischen uns mit Buchstabenfolgen gefüllt und sei anschließend wieder verschwunden.
"Die ganze Zeit über hat er mich nicht einmal angesehen."
Ich stutze, dann wiederhole ich: "Er hat mich überhaupt nicht angesehen."
Es hallt in meinem Kopf wider.
Irgendwo in der Mauer löst sich mit einem lauten Knirschen ein Wortstein und poltert in die Tiefe. Es ist furchtbar laut inmitten der Stille.
"Das ist doch komisch, oder?", fahre ich fort. "Jetzt spuken diese Szenen seit Jahren durch meinen Kopf, immer und immer wieder. Natürlich weiß ich, dass er mich nicht ansieht, ich sehe das ja, aber irgendwie... ist es mir erst jetzt so richtig klar geworden. Dass er mir nie ins Gesicht geschaut hat. Klingt das komisch?"
Sie schaut nachdenklich und wiegt den Kopf hin und her. "Nein, komisch klingt das auf keinen Fall. Ich glaube, ich weiß auch, was Sie meinen. Was macht das denn mit Ihnen, dies alles jetzt so klar zu sehen?"
Die Wand ist keine Wand mehr. Es rieselt und zerkrümelt, es bröckelt und zerfällt, gleich kann sie mich sehen. Es ist so laut und staubig hier und mein Kopf spult weg hier weg hier weg hier in Dauerschleife. Statt aufzustehen knote ich das Kissen zwischen meinen Händen und kann sie immer noch nicht ansehen. Ich kann sie einfach nicht anschauen. Meine Wangen brennen.
"Das macht... keine Ahnung. Es wirkt, als hätten ihn meine Wünsche und Bedürfnisse null interessiert. Als wäre ich gar kein richtiger Mensch für ihn. Eher eine Art Puppe."
"Ganz schön traurig.", sagt sie leise.
Aber mein Körper fühlt sich nicht nach Traurigkeit an. Eher nach dem Gefühl, was mich die letzten Tage dauerhaft begleitet hat. Mein Herz klopft sehr stark, meine Beine sind furchtbar unruhig, ich will nur weg. Und plötzlich weiß ich, was es ist, was es all die Tage zuvor war, dieses Gefühl, was ich für Angst gehalten habe, was letztlich natürlich auch Angst ist, keine Frage, aber in erster Linie...
"Es ist mir so furchtbar peinlich.", flüstere ich und ziehe mir die Decke über den Kopf. Ich denke nicht nach, es ist ein zwingender Impuls, ganz klein machen möchte ich mich, verschwinden, wie eine Raupe wickle ich mich in den Stoff und kneife auch noch die Augen zu, fest, um ihrem Blick zu entgehen, ich bin gar nicht da, und in mir brennt alles vor schrecklicher Scham. Jetzt, da ich endlich erkannt habe, was es für ein Gefühl ist, wundere ich mich, wie ich das Offensichtliche so lange übersehen konnte.
Sie zieht mich in meinem Kokon in eine Umarmung und ich spüre das Streicheln durch die Decke hindurch. 
"Sie sind nicht diejenige, die sich schämen muss. Er wäre daran, das zu tun."
Durch die Decke klingt meine Stimme vermutlich dumpf. "Ich hab Angst, dass Sie jetzt schlecht von mir denken. Dass Sie mich nicht mehr mögen, wegen all dem."
Noch ein bisschen festeres Drücken.
"Keine Sorge. Mein Herz ist ganz, ganz weit für Sie und die kleine Anna, und nichts von dem, was Ihnen da passiert ist, wird irgendetwas daran ändern. Natürlich wünschte ich mir für Sie, es wäre nicht passiert, und wenn ich wirklich ein rosa Glitzerpony wäre, wie Sie's mal so schön formulierten, würde ich es auf der Stelle rückgängig machen..."
Ich schniefe und lache ein wenig und spähe mit einem Auge unter der Decke hervor.
"... aber ich denke deswegen nicht schlecht von Ihnen. Ich halte Sie nicht für schrecklich oder ekelhaft oder sonst etwas. Genau so, wie Sie sind, mit Ihrer Geschichte, hab ich Sie lieb."
"Okay.", nuschle ich und endlich kann ich sie anschauen. Ganz kurz nur, aber ich sehe deutlich, dass sie mich so ansieht wie immer. Lächelnd und mit strahlenden Augen und ganz, ganz viel Zuneigung, und das Brennen lässt ein winziges bisschen nach.

8 Kommentare:

  1. Liebe Anna, das ist so schön. Dass du sie hast. Ich drücke dich

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  2. Ich kann das, was du dort geschrieben hast, so gut nachvollziehen, weil wir schon so oft genauso vor der Therapeutin saßen - und auch genau deswegen finde ich ihre Reaktion, das Lächeln, dein Lachen und ihr Rosaglitzerponysein so schön.

    Ja, heilsam ist es wirklich... und irgendwie sind wir ja immer noch beeindruckt von uns selbst, dass das alles geklappt hat und immer noch klappt (was aber auch sehr, sehr, sehr an ihr liegt <3). Dankeschön.
    *wirft liebe durch die gegend*

    Zu deinem anderen Kommentar (argh, ich komme gerade so durcheinander):
    Hm, ich denke schon, dass ich das ambulant gemeistert bekomme... beziehungsweise, anders geht es nicht. Die Klinik hier soll nicht wirklich gut sein, die, in der wir waren, macht nur DBT (und das bringt nicht mehr wirklich viel...) und, keine Ahnung... was wir im Grunde brauchen und gerade auch bei Frau Dr. X haben, ist Traumatherapie. Das ist zwar extremst anstrengend und unter anderem auch mal kriselig *argh*, aber anders kommen wir nicht weiter... und mir wurde diese Woche auch schon von einer Freundin gesagt, dass ich so glücklicher wirke, ruhiger, so, als "hättest du dich selbst gefunden" - was ja genau genommen auch stimmt:) Wir sind nicht hundertprozentig stabil, das sind wir nie, aber meilenweit vor dem Zustand vor der Klinik entfernt...
    Hm... vielleicht braucht er erst einmal einen Schritt nach dem anderen, um das zu verstehen. So was ist für "Außenstehende" bzw. Menschen, die nix damit zu tun haben bzw. nichts davon wissen, sehr schwierig, leider... darüber hatte ich letzte Woche sogar mit besagter Freundin noch ein Gespräch :D und irgendwie verkommen die ganzen Diagnosen dann oft zu etwas, was sich nicht greifen und be-greifen lässt. Die denken dann "halt", dass man mal eben dieses und jenes und das und das neben der psychischen Erkrankung machen kann, weil es nicht für jeden auf Anhieb verständlich ist, wie das ist... so eine PTBS neigt ja nicht unbedingt dazu, Urlaub zu nehmen oder sich an feste "Arbeits"zeiten zu halten -.- ^^
    Aber vielleicht ist das ja schon mal ein Anfang :)

    Am besten machen wir den Sonnenuntergang auch noch regenbogenfarben :'D Alles Liebe dir.
    Achlys

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  3. Liebe Anna,

    immer wieder aufs Neue bewundere ich Deine Kraft.

    Liebe Grüße, Pirandîl

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  4. Du bist so stark, darüber zu reden und sogar hier zu schreibe. Wirklich, das ist so mutig....
    Deine Therapeutin macht auch einen echt guten Eindruck in dem Post. Ich hoffe du kannst nach diesem Gespräch mit all den Gefühlen und Gedanken einigermaßen umgehen. Ich denk an dich.

    Du bist so stark!

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  5. Von dir ein Kompliment zum Schreiben zu bekommen ist doppelt schön, danke dafür.

    Ich weiß nicht mehr den Wortlaut, aber ich erinnere mich noch daran, dass meine Therapeutin mir mal gesagt hat, dass sie glaubt, man kann in der Therapie noch so viel logisch analysieren, bereden, begreifen - das, was am Ende wirklich heilt, ist Liebe.
    Das Gefühl, angenommen zu sein, so wie man ist und dass man Halt kriegen kann, wenn man ihn braucht. Damit das Brennen ein bisschen nachlassen kann.
    Ich musste daran irgendwie grade denken, als ich das gelesen habe.

    Ich wünsche dir viele Momente, in denen du unter der Decke hervorspähen kannst.
    <3

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  6. Danke für dein Kommentar
    Ich umarme zurück.

    Pass auf dich auf.
    Alles Liebe dir
    Lovely

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  7. Hallo du Liebe,
    es tut mir Leid dass du nun eine ganze Weile warten musstest... es war viel los, entschuldige bitte.

    Ich kenne dieses leere Gefühl gut, ja... geht es dir denn inzwischen besser? Konntest du es aushalten, hast du Möglichkeiten dagegen anzugehen? Fühl dich mal lieb gedrückt.

    Mir geht es gerade ganz gut :) seit diesem Wochenende wohnen zwei kleine Katzen bei uns und halten uns ganz schön auf Trab, aber bringen auch jede Menge Freude :)

    hattest du erwähnt :) also im Maidcafé waren wir auch nicht, das hat mein Freund sich nicht wirklich getraut... andersrum auch im Butlercafé, glaube das wäre einfach nix für mich. ;)
    Die Frage ist nicht blöd, keine Sorge, aber hab sie schon öfter bekommen. Wir waren nicht in Fukushima. Das ist eine Präfektur östlich von Tokyo und in der gleichnamigen Stadt, die auch Hauptstadt dieser Präfektur ist, ist das Unglück am AKW Fukushima Daiichi passiert. Die Sperrzone geht so ca 30 km um das AKW herum. Der Fallout hat damals kurzfristig auch Tokyo bedroht, aber zum Glück bliesen ihn die Winde dann nicht in Richtung der Metropole, sondern "nur" aufs Meer hinaus, was auch schon schlimm genug ist. Tokyo ist so 200 km weg von Fukushima und nicht mehr von dem havarierten AKW bedroht- also so lange dort nicht eine weitere Katastrophe eintritt, dann könnte die Gefahr wieder akut werden. Aber abgesehen von der Sperrzone und wohl auch einigen Gebieten in der Nähe dieser Zone kann man sich in ganz Japan unbesorgt bewegen! Nirgendswo sind die Strahlenwerte in auffälligen Höhen, man muss nichts fürchten. Ich hoffe das beantwortet deine Frage ein wenig :)

    Ich drücke dich lieb <3
    Kathi

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  8. hallo du,
    ich kenne die zusammenhänge nicht, aber ich bin davon überzeugt, dass du dich nicht schämen musst. versuche hin und wieder daran zu denken
    das angebot mit dem mailen würde ich gerne annehmen. magst du mir vielleicht mal deine mailadresse geben?
    möglicherweise sollte ich auch mal lernen, besser über meine emotionen zu reflektieren.. aber nicht in einer therapie, glaube ich
    mein partner weiß nicht von meinem blog, das belasse ich glaube ich auch erst mal so. wie ist das bei dir?
    das tut mir gerade sehr leid, dass dieses vertrauen, das du gewagt hast, in der vergangenheit zum teil nicht gewürdigt und nicht ernstgenommen wurde.
    wie geht es dir?
    ich hoffe, du hast eine nicht allzu stressige woche
    alles liebe

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