Meine Anorexia nervosa war zu Beginn eine atypische. Erst viel später wurde sie für eine Weile typisch. Das, was ich jetzt mache, läuft höchstens unter dem Begriff "disordered eating within BPD": Es ist mir egal, wie viel ich wiege, und auch wenn ich keine genaue Zahl kenne, so liegt mein BMI doch definitiv über 17,5. Weder zähle ich Kalorien noch suche ich nach "gesunden" und/oder nährstoffarmen Lebensmittel. Und wie mein Körper aussieht, das ist mir, mit Verlaub, scheißegal. Ich habe keinen Bezug zu ihm.
Als "typische Anorektikerin" wollte ich essen. Ich wollte definitiv essen - das vertrug sich nur leider nicht mit meinem Ziel, dünn zu sein, was mir damals als notwendige Voraussetzung dafür erschien, mich selbst mehr zu mögen. Und das erachtete ich als sehr viel wichtiger, sehr viel bedeutungsvoller als ein kurzer Essensgenuss. Ich glaubte tatsächlich, mir mit meinem Verhalten langfristig gesehen etwas Gutes zu tun. Wenn ich erst dünn wäre, könnte ich mich endlich akzeptieren! So klischeehaft, so kurzsichtig.
Damals konnte ich Stunden in der Süßwarenabteilung im Supermarkt verbringen, mit hungrigen Augen alles bestaunen, was ich mir garantiert erlauben würde, wenn ich endlich dieses oder jenes Gewicht erreicht hätte. Wahllos nahm ich Packungen aus den Regalen und studierte sie sorgfältig, während ich mir detailliert ausmalte, wie sie schmecken würden. Manchmal legte ich mir sogar Kekse oder Schokolade in den Einkaufswagen und schlenderte mit ihnen durch den Laden - ganz so, als hätte ich tatsächlich die Absicht, sie zu kaufen. Natürlich wurde am Ende alles wieder ordentlich an seinen Platz zurückgelegt. Und zuhause litt ich und weinte und zählte die Minuten bis zur nächsten erlaubten "Mahlzeit", denn ich wollte wirklich, wirklich, wirklich so gern essen, aber ich redete mir ein, es würde alles besser, wenn erst -
Jetzt ist es anders.
Oder besser: Jetzt ist es so, wie ich es eigentlich kenne, von damals, als ich fünfzehn war und ohnmächtig und so wütend.
Ich hungere und verweigere Flüssigkeit als Form der Selbstverletzung. Ich gebe mich nicht der Illusion hin, meine Figur oder mein Gewicht stünden in irgendeiner Verbindung zu meiner Beziehung zu mir selbst. Es ist mir vollkommen klar, dass mein Körper unter dem leidet, was ich ihm antue.
Es gibt keinen "Bodycheck".
Es gibt kein "Zielgewicht".
Es gibt kein "wenn erst".
Das Hungern an sich ist das Ziel.
Die Qual ist das Ziel.
Die Vernichtung ist das Ziel.
Ich hungere und durste aus demselben Grund, aus dem ich meine Haut aufschneide und zu viele Tabletten schlucke und Suizidversuche unternehme und Beziehungen von verschmelzendeng zu ichhassedich kippen lasse und Möbel zerschlage und völlig außer mir bin und euch diesen brutalen Text aufbürde:
Weil ich glaube, es nicht verdient zu haben, dass es mir gut geht.
Weil ich es mit mir selbst nicht aushalte.
Weil ich mich so, so, so sehr hasse.
Ich lasse es wie ein Spiel angehen - "mal schauen, wie lang es dieses nutzlose Gefäß aushält ohne Wasser; lass uns mal testen, was es macht, wenn es nicht mit Energie versorgt wird" - aber auch wenn ich sage, es ist mir egal, wer am Ende gewinnt, so kann ich doch eins und eins zusammenzuzählen.
Es gibt nichts, nichts, NICHTS, was ich dem übermächtigen Selbsthass und der Zerstörungswut entgegenzusetzen habe.
Ich habe keine Anorexie mehr, es ist nur ein Borderline-Symptom.
Und ich rede mir ein, dass das einen Unterschied macht.
oh anna. meine liebe liebe anna.
AntwortenLöschenich kenne diese körperquälerei nur zu gut. mein krankes ich ist immer noch sauer, dass ich das nie lange durchgehalten habe. aber eigentlich war es gut so. ich weiß, wie schwer es ist und wie weh es tut, aber musst du das, was dir angetan wurde noch bestätigen? haben dein körper und deine seele nicht schon genug gelitten? du bist immer noch hier und darauf kannst du verdammt stolz sein.
danke für deine wärme in meinem winter. danke für die decke, die du wohl selbst auch sehr gut gebrauchen kannst. sollten wir nicht vielleicht zusammen unter dieser decke liegen und die kälte vertreiben? und ja, worte zwischen einsen und nullen haben gewicht. aber noch viel mehr gewicht hatten die flüsterworte und die worte zwischen den zeilen am donnerstag. ich bin immer noch überwältigt von dem, was da passiert ist. fremde menschen haben mich gehalten. da waren hasen und haie und lilly. und auch danke für die geduld. ich werde sie tragen. durch die zeit und irgendwann. werde ich an sie glauben können. wie an das meer und die worte und den halt.
ich schicke dir meinen raum zwischen den zeilen. ich bin mir sicher, du wirst seinen wert erkennen und dich dort wohlfühlen.
pass bitte gut auf dich auf.
anna
Liebe Anna, auch wenn die Krankheiten diese Worte nicht durchkommen lassen wollen:
AntwortenLöschenDU DARFST ESSEN
DU DARFST TRINKEN
DU DARFST DU SEIN
DU DARFST LEBEN!!!!!!!
Du bist klug, empathisch, leise, laut, sanft, verstehend, nachdenklich, interessant (!:-)),eine gute Freundin, ein wertvoller Mensch, eine Bereicherung für mich.
Ich weiss - momentan ist sososo schwer. Da kommt nichts durch und an.
Und ich werde da sein. Und es für dich wiederholen, bis du es selber wieder kannst und wagst.
DU DARFST!!!
"Weil du teuer bist in meinen Augen und wertvoll bist und ich dich lieb habe, so gebe ich Menschen hin an deiner Stelle und Völkerschaften anstelle deines Lebens." (Jesaja 43,4)
AntwortenLöschen"Du bist erstaunlich, ausgezeichnet und wunderbar gemacht." (Psalm 139,14)
Liebe Anna,
ich weiß, dass du gesagt hast, du glaubst nicht an Gott aber wenn ich Worte wie deine lese, dann zieht es mir mein Herz zusammen und ich habe dann einfach das Bedürfnis dir mit einem Vers Mut zuzusprechen. Auch du bist ein geliebtes Kind Gottes und auch du würdest unfassbar fehlen, wenn du nicht mehr hier wärst. Und auch über dich weint der Himmel, wenn du dich selbst so schlecht ansiehst. Ich wünschte so sehr, ich könnte etwas tun, das dir die Augen öffnet und dir eine neue Perspektive schenkt. Denn ich weiß (zumindest im Ansatz, aus eigenen essgestörten Zeiten) wie zermürbend dieser Selbsthass ist. Und dann denkt man an Menschen, die es "noch schlechter" haben und hasst sich noch mehr für das Selbstmitleid und den Hass... soll heißen: ich verstehe was du sagst und ich verurteile es nicht, ich wünsche dir nur von ganzem Herzen, dass du es da raussschaffst. Das einzige, was ich von hier aus für dich tun kann, ist beten - und das werde ich tun. Auch wenn du nicht daran glaubst, nimm es als Liebeszeichen. ♥ Wenn du dich so sehr selbst hasst, dann versuche ich jetzt dagegen zu lieben. Fühl dich gedrückt, wenn du magst.
Liebe Anna, was kann man sagen, was kann man tun, um Dir zu helfen? Ich weiß es nicht. Ratlos stehe ich da, also sage ich nur dies: Ich bin Dein Freund, ich laufe nicht weg, ich bin da. Dein Pirandîl
AntwortenLöschenLiebe Anna,
AntwortenLöschenIch habe ewig nicht geantwortet und habe jetzt noch zuviel zutun, dennoch lese ich immerimmerimmer mit und dieser Post tut besonders weh. Aus dieser Entfernung kann ich wenig helfen, dennoch möchte ich so sehr... Was gerade passiert,tut mir schrecklich Leid. Du darfst uns glauben,wenn wir sagen, wie wundervoll und wichtig du bist. Du und dein Körper, deine Gedanken, dein Sein! Es wird nie alles nach Plan laufen und es ist ein Kampf,der ein ganzes Leben bestehen bleibt, nur darfst du nicht aufgeben, das ist nicht gestattet. Fallen- ja, aber niemalsniemals liegen bleiben... ich wünsche mir so sehr, dass es besser wird. Wenn ich könnte,würde ich alles tun liebe Anna. Gib auf dich Acht,versuche es, du bist es wert, da gibt es kein wenn und aber!
Ich umarme dich, wenn du magst. Dich als Persönlichkeit, als wunderbaren Menschen, der du bist <3
Liebe Anna,
AntwortenLöschendu darfst essen! Du darfst trinken!! Dir darf es gut gehen!! Und du hast es verdient, dass es dir gut geht!
Denn du bist ein ganz WERTVOLLER und WICHTIGER Mensch!
Ich kenne diesen Selbsthass; diese Gedanken dass es einem nicht gut gehen darf, dass man das gar nicht verdient hat; diesen Drang zur Selbstzerstörung. Und ich weiß, es ist so, so, so schwierig diese Gedanken und Annahmen in den Hintergrund zu drängen und durch andere Gedanken zu ersetzen. Deswegen schreibe ich es nochmal: Du bist ein ganz wunderbarer und wertvoller Mensch – dir darf es gut gehen, denn du hast das verdient; du darfst gut zu dir selbst sein und liebevoll mit dir umgehen!!
Am liebsten würde ich diesen Hass, den du auf dich selber hast, einfach aus dir herausnehmen, ganz weit wegwerfen und durch ganz viel Liebe, ich-mag-mich, mir-darf-es-gut-gehen ersetzen!!!
Ich mag dich sehr und hab dich lieb,
deine Mira ♥
Liebe Anna,
AntwortenLöschendanke für Deine Worte. Ja, die Pollen machen mir auch immer sehr zu schaffen. Verstandenesmäßig stimme ich auch mit mir überein - also mit dem, was ich da geschrieben habe. Aber das Gefühl ist zurzeit vor allem bei den Narben schwierig, weil ich nicht einschätzen kann, ob und wie sehr sie anderen Menschen auffallen. Und das möchte ich vor allem jobmäßig nicht. Feministische Lektüre hilft mir auch dabei, zu verstehen, wie Bodyshaming usw. im Ganzen eigentlich entstehen und sich aufrecht erhalten, ich konsumiere sogar relativ viel davon in Vorbereitung auf meine Bachelorarbeit. Der Spruch ist so einfach und so gut, trotzdem gehe ich nie an den Strand, was zwar noch andere Gründe hat, aber der ist sicherlich auch dabei.
Vieles von dem, was Du im Post beschreibst, kommt mir bekannt vor und fand gefühlt bei mir alles gleichzeitig statt. Ich hatte auch die atypische Anorexie diagnostiziert bekommen, dachte oft, dass ich es nicht einmal schaffe, eine richtige Essgestörte zu sein und mehr, als einfach nur dünn sein, wollte ich mir selbst schaden, bildete mir ein, mich bewusst dafür entschieden zu haben, für dieses Zahlenspiel. Möglicherweise ist durch die Gleichzeitigkeit nichts so intensiv gewesen und geblieben, vielleicht liegt es auch einfach an meiner Sprunghaftigkeit von Selbstzerstörungsstrategie zu Selbstzerstörungsstrategie, dass ich die Diagnose jetzt streichen könnte. Das hilft jetzt nicht weiter. Aber ich wünsche Dir viel viel Kraft dazu, der Selbstschädigung entgegen zu wirken und Dir etwas Gutes zu tun.
Danke übrigens für Deinen Buchtipp. Es steht jetzt bei mir im Regal und ich werde es lesen, wenn ich die Empfehlung von Li durch habe. Es sind meiner Wahrnehmung nach wirklich häufiger die katholisch Getauften, die irgendwann zweifeln. Mit dem, was die Kirche sagt, kann ich mich eigentlich schon lange nicht mehr identifizieren. Aber es steckt so fest in einem drin, wenn man mit dieser Gott-wird-dich-ganz-furchtbar-bestrafen-Mentalität aufwächst...
Pass auf Dich auf!
Alles Liebe,
Lucia
"Es gibt nichts, nichts, NICHTS, was ich dem übermächtigen Selbsthass und der Zerstörungswut entgegenzusetzen habe."
AntwortenLöschenDas geht mir genauso. Ich habe nur ein paar Menschen um mich herum, die dem ziemlich viel entgegenzusetzen haben. Manchmal hilft das. Ich hoffe, du hast sowas auch. Ich hoffe, du kannst sowas nehmen, bis in dir selbst wieder etwas wächst, was dagegen kämpft. Ich weiß, dass es mal da war, ich weiß, dass es das gibt.
Ich hab dich gern,
Anna
Oh nein, das ist einfach so traurig zu lesen... Bei all den vielen Blogs, die ich hier in den letzten Jahren gelesen habe, gibt es einfach keinen einzigen, auf dem die Gedanken und Gefühle auch nur annähernd so kunstvoll in Worte verpackt werden werden, wie deine.
AntwortenLöschenAuch, wenn du es nicht glauben magst - ich bin mir sicher, dass du eine kluge, schöne, liebenswerte junge Frau bist, die es mehr als verdient hat, glücklich zu sein!
Bleib stark! <3