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26.11.2016

How to get in and out of psychiatry (in eighteen easy steps). [Nachtrag vom 20.11.16]

01. Schreibe eine E-Mail an deine behandelnde Therapeutin (Inhalt siehe vorheriger Post).

02. Fahre zu einem Sonntagnachmittagbesuch zu deiner Großmutter.

03. Gegen 19:00 Uhr wird es an der Tür klingeln. Öffne sie und sieh dich zwei Polizisten gegenüber, die dir erklären, dass sie alarmiert wurden, da du per E-Mail an deine Therapeutin Suizidabsichten verkündet habest.

04. Halte das für einen Scherz.

05. Erfahre, dass das leider kein Scherz ist. Die Ordnungshüter erläutern: Die Therapeutin hatte die ersten drei Sätze ("Es ist vorbei") wohl trotz Kursivschrift als Aussage und nicht als Zitat aus der EMDR-Sitzung verstanden. Daraufhin wollte sie dich auf dem Festnetz erreichen, was aus bekannten Gründen nicht funktioniert hat. Die Handynummer, welche sie wählte, war veraltet und auf ihre E-Mail hast du ebenfalls nicht reagiert, weswegen sie sich schließlich gezwungen sah, die Polizei zu benachrichtigen.

06. Versuche, dem Auge des Gesetzes darzulegen, was für ein unglaubliches Missverständnis vorliegt. 

07. Scheitere kläglich.

08. Werde ins Auto gepackt und zu deinen Eltern gefahren. Alle Dinge, die du bei dir trägst, nehmen dir die Beamten ab. Auf dem Weg informieren sie dich darüber, dass dich ihre Kollegen nach dem Initialalarm in deiner Wohnung nicht angetroffen hätten, sie deshalb bei deinen Eltern aufgetaucht seien, die sie wiederum an die Großmutter verwiesen hätten.

09. Komme im Elternhaus an und gib dir Mühe, die hysterischen Altvorderen zu beruhigen, die tatsächlich glauben, du stündest mal wieder mit einem Bein im Grab. Zeige die Mail wie gewünscht den Beamten, die nach der Lektüre zumindest beginnen, dir zu glauben. Während der eine deine Personalien aufnimmt, telefoniert der andere mit deiner Therapeutin (aber mach dir keine Sorgen, du selbst wirst nicht mit ihr sprechen müssen, das wäre ja auch unsinnig!). 

10. Werde auf ihr Geheiß hin im Streifenwagen in die Notaufnahme verfrachtet, da ein Arzt im persönlichen Gespräch die Suizidalität abklären soll.

11. Nach einstündiger Wartezeit stellt sich die diensthabende Ärztin als Internistin heraus, die ihre Kompetenz mit der Einschätzung der Selbstgefährdung überschritten sieht, sodass sie wiederum eine Überweisung in die zuständige Psychiatrie in die Wege leitet. Leider steht kein Krankenwagen zur Verfügung, und wenn du dich nicht "renitent" genug zeigst, um eine polizeiliche Überführung zu rechtfertigen, wirst du offiziell und formell in den Gewahrsam deiner Eltern übergeben, die damit betraut werden, dich den fünfundvierzigminütigen Weg mit ihrem Auto zu chauffieren, was viel Raum für misstrauische Fragen lässt.

12. Erfahre nebenbei, dass die Polizei deine Wohnung aufgebrochen und anschließend ein neues Schloss hat einsetzen lassen (selbstverständlich zulasten deines Kontos), weswegen dein Partner zur Polizeidienststelle in die nächstgrößere Stadt beordert wurde, um dort die neuen Schlüssel abzuholen. Fang am besten schon einmal damit an, dir eine Ausrede für die Vermietenden auszudenken.

13. Komme gegen 21:00 h in der Psychiatrie an und erfahre, dass der dortige AvD wegen eines Patientenausbruchs gerade damit beschäftigt ist, eine Hundestaffel zusammenzustellen. Werde auf dem Gang der Geschlossenen zwischengelagert. Die Notbetten sind alle belegt; drei Augenpaare, von denen mindestens einer einem paranoid Schizophrenen gehört, der ständig aufsteht, um dich herumschleicht und sich wieder unter der Decke versteckt, folgen dir bei jeder Bewegung. 

14. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, eine Migräneattacke zu bekommen. Die Tabletten haben sie dir mit deiner Tasche bereits abgenommen und auch auf deine inständige Bitte hin rückt die Kranken- und Gesundheitspflegerin deine Notfallmedikation nicht heraus ("Tut mir Leid, dafür bräuchten wir eine ärztliche Anweisung!") Glücklicherweise haben dich die Beamten abgeholt, bevor du zu Abend essen konntest. Aus diesem Grund beinhaltet dein Magen nichts, was sich jetzt auf dem Linoleumboden verteilen und dem bereits höchst fragwürdigen olfaktorischen Potpourri aus Desinfektionsmittel, ungewaschenen Körpern und Verzweiflung noch eine weitere Note hinzufügen könnte. Fauche die Schwester an, die eine Aufnahmeprozedur beginnen möchte, dass du nicht hier bleiben wirst.

15. Der AvD erweist sich als ebenso hinreißend wie der gesamte Abend. Nachdem er dir die Hand schüttelt, ohne dich anzusehen, kündigt er an, zunächst einmal allein mit deinen Eltern sprechen zu wollen, als wärest du minderjährig. Dein Protest wird ignoriert, aber wenigstens ist durch die Tür jedes Wort zu verstehen.

16. Wenn dir nach einer gefühlten Ewigkeit endlich selbst erlaubt wird, mit dem Herrn Doktor zu sprechen, achte sorgfältig darauf, genau den Text deiner Begleitung wiederzugeben, selbst wenn dieser nicht hundertprozentig stimmt (immerhin willst du schnellstmöglichst nach Hause). Wenn er unendlich gönnerhaft und herablassend ist, musst du übrigens auch nicht mehr freundlich sein. Du bist ja sowieso nur eine verrückte Borderlinerin!

17. Werde richtig, richtig böse, wenn der AvD ernsthafte Anstalten macht, dich "nur zur Sicherheit" in der Psychiatrie zu behalten. "Klar, Sie haben Recht, das ist absolut logisch - ich kündige morgens um 9 meinen Suizid an, um mich abends um 19 Uhr von der Polizei beim Nudelsuppeessen unterbrechen zu lassen. Sie sollten wirklich Detektiv werden!" wirkt manchmal Wunder.

18. Verlasse das Krankenhaus und wirf dir eine Migränetablette ein. Koche vor Wut, wenn du gegen halb zwei endlich ins Bett kriechst. Verfluche den Tag und deinen Text und den Arschlochpsychiater und die ganze Welt und schwöre dir feierlich, nienienie wieder eine solche E-Mail ohne den Hinweis "keine Suizidankündigung" abzusenden.

13 Kommentare:

  1. Liebes, mir tut es fürchterlich leid, dass du durch solch einen Tag musstest... kann nur ahnen, wie anstrengend das gewesen sein muss. Wie geht es dir jetzt im Moment? Hast du seither mal mit der Therapeutin sprechen können?
    Wenn ich ganz ehrlich bin, musste ich an mancher Stelle aber auch echt lachen - dein Sarkasmus in Verbindung mit deinem Schreibtalent ist echt genial :D
    Fühle dich herzlich gedrückt, wenn du magst. ♥ Gia

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  2. Oh man... :(
    Lass dich einmal ganz liebevoll umarmen! ♥

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  3. Oh je, das klingt sehr stressig und es ist total verständlich, dass du vor Wut gekocht hast, du Arme! Ich hoffe du kannst dich heute ein wenig davon erholen!

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    1. Danke, liebe Sophie, mittlerweile ist es wieder halbwegs okay!

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  4. Oh nein! Das ist dir ernsthaft so passiert? Das tut mir echt leid, das hört sich ja furchtbar an. Dass da einfach so über deinen Kopf hinweg gehandelt wurde ohne zu fragen, was für dich das beste wäre... Ich hoffe dir geht es jetzt besser ♡

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  5. Oh, Anna, es tut mir so leid, dass das passiert ist. Das klingt furchtbar. Natürlich kennt deine Therapeutin dich tausendmal besser als ich und kennt auch den Kontext, dennoch wundert es mich, dass sie diese E-Mail als Suizidankündigung verstanden hat, da ich den Text ganz anders gelesen und aufgefasst habe. Das ist aber nicht mal das eigentlich Schlimme, man könnte ja argumentieren, Sicherheit geht immer vor (ein sehr gewichtiges Argument). Aber die Art und Weise, wie sich sowas dann abspielt... Dieses Ausgeliefertsein. Seiner eigenen Mündigkeit und Glaubwürdigkeit beraubt zu werden. Vielleicht nicht mal nur seiner Glaub-würdig-keit, sondern überhaupt seiner Würde, zumindest wirkt es auf mich so. Die zerstörte Privatsphäre. Die herablassende Behandlung. Auch dass deine Eltern so stark mit einbezogen wurden, klingt für mich nicht gerade nach einer besonders guten Idee. Fühl dich mal gedrückt, wenn du magst.

    (P.S. Auf deine Mail werde ich die Tage auch antworten.)

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    1. Liebe Leah, vielen Dank für deine lieben Worte, die umfassen exakt meine Gedanken und Gefühle. Inzwischen habe ich beschlossen, das Ganze mit Humor zu nehmen...
      Eine Umarmung zurück <3

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  6. Liebe Anna, du liebe Güte, was für ein Alptraum. Ich hoffe, Du könntest Dich gut davon erholen. Hat Deine Therapeutin sich wenigstens für dieses Missverständnis entschuldigt? Ich umarme Dich und wünsche Dir alles Gute, Dein Pirandîl

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  7. ach du scheiße. Da haste ja die ganze Brandseite bekommen.

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  8. Liebe Anna,

    egal wie schrecklich dieser Abend war. Egal wie sehr du deinen Therapeuten/in verfluchst.
    Vergiss niemals, dass jemand dich sieht. Und ernst nimmt.

    Das ernst nehmen fällt vielen Menschen nämlich ziemlich schwer und sie regulieren Sorgen und Ängste einfach runter - ohne genauer hinzusehen oder mal zuzuhören.
    Vielleicht ist die Perspektive auch gar keine so schlechte - obwohl ich wie gesagt auch verstehen kann, dass du das alles nicht so toll fandest :D

    Fühl dich umarmt, wenn du magst.
    Liebst, Zis.

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  9. ohje.. du arme, das wirkt alles so surreal beim lesen.
    ich hoffe, es geht dir gut und du kannst die vorweihnachtszeit etwas genießen ♥

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  10. Omg das is ne echt krasse story :o Also natürlich ist das garnicht witzig wenns einem selbst passiert aber du hast das echt gut geschrieben. Und finds übel wie easy sowas passieren kann und "bahm" ist man weggeschlossen...

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