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05.09.2014

Die Andere.

"Weißt du, am Anfang fanden wir dich alle total komisch. Tauchst einfach auf, redest mit niemandem, sitzt immer ganz allein in der letzten Reihe, wenn du überhaupt da bist. Und am Ende stellt sich raus, du hast volle Punktzahl, und dann guckst du bloß total gelangweilt, als würde dich das alles null interessieren. Du bist schon echt seltsam."

Wie oft ich mir diese Rede, in kleinen Variationen, schon anhören musste, weiß ich nicht. Häufig fügt die Person hinzu: "Irgendwie beneide ich dich ja auch. Was hast du denn für einen IQ?"
"Weiß ich nicht", lüge ich dann und schlucke, damit niemand die Tränen in meinen Augen sieht und keiner erahnen kann, wie sehr das schmerzt. Immer aufs Neue.

So lange ich mich erinnern kann, bin ich die Andere gewesen.
In der Grundschule habe ich, unbekümmert und naiv, mein Wissen einfach dahergeplappert und permanent Fragen gestellt, weil ich mich langweilte. Die Kinder in meiner Klasse mochten das nicht, mochten mich nicht. Meine Eltern wurden zum Gespräch gebeten.
"Es tut uns wirklich Leid, aber wir können Ihre Tochter hier nicht angemessen fördern. Vielleicht braucht sie eine andere Art von Schule." 
Deswegen habe ich angefangen, Testfragen absichtlich falsch zu beantworten und mich im Unterricht nicht mehr zu melden. Ich wollte nicht von meinen Geschwistern weg, den Einzigen, die mich wie einen normalen Menschen behandelten.

Als ich 14 wurde, nahmen die Probleme zu. Ich verschanzte mich hinter meinen Büchern und vergrub mich in meiner Musik, kümmerte mich nur noch um diese zwei Dinge, die mir nie wehgetan hatten. Da haben sie es nochmal versucht. Von einer "speziellen Einrichtung für besondere Leute" war die Rede, von einer Schule, die "mit Schwierigkeiten wie den deinen" umzugehen wisse. Ein Hochbegabteninternat mit Musikschwerpunkt sollte es werden. Widerwillig stimmte ich zu, es mit der Aufnahmeprüfung zu versuchen, doch ich hatte zu viel Angst davor, den Halt meiner Geschwister zu verlieren, und sagte den Platz wieder ab. Meinen Eltern versprach ich, nicht mehr zu schwänzen, und mit viel Mühe schaffte ich es sogar, einige Freundschaften zu schließen. Dass meine Magersucht und Borderlinestörung gerade erst in den Anfangszügen lagen, ahnte damals noch keiner, aber das ist eine andere Geschichte.

Mein Studium jedenfalls habe ich erst nach der Regelstudienzeit abgeschlossen. Ich hatte keine Lust auf eine Sonderstellung und habe meine Noten vor den anderen einfach verheimlicht. Insgesamt denke ich, es ist mir ganz gut gelungen, mich normal zu verhalten, und es scheint inzwischen tatsächlich ein paar Personen zu geben, die mich mögen. Aber tief in mir weiß ich, dass ich immer die Andere bleiben werde.

6 Kommentare:

  1. Oh, danke für deinen Kommentar :)
    Ich habe Seroquel in einer Klinik bekommen und war eigentlich zufrieden damit. Dann habe ich aber die Klinik gewechselt und dort meinte sie es bestehe keine Indikation, da man das Medikament eigentlich bei Psychosen einsetzt und es würde nur müde/dick machen etc. Ich bin rückblickend eigentlich ganz froh, dass ich es nicht mehr nehme, weil es schon einen starken Effekt auf mich hatte, es macht eben wirklich sehr müde. Ich hatte aber eine Zimmergenossin die auch BPS hatte und in Stresssituationen leichte Psychosen, ich glaube da hat es echt geholfen, ich weiß ja nicht wie das bei dir genau ist. Ich suche auch eher etwas nur für den Notfall, als Dauerlösung habe ich schon Citalopram.

    Irgendwie finde ich es schade, dass du dich immer "verstecken" musstest und dein Potential nicht ausleben konntest. Aber ich kann es auch verstehen, dass du einfach nur normal sein wolltest...

    Liebe Grüße
    K.

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  2. Das kann ich gut verstehen... Wie belastend es sein kann, anders zu sein, und auch, wie schwer die Anpassung fallen kann. Und wie es ist, wenn der eigene Denkapparat irgendwie anders funktioniert als bei allen anderen.
    Würde es dir denn vielleicht mittlerweile gut tun, ab und zu mal unter "Gleichen" zu sein?

    Habe ich es richtig verstanden, dass du eine Exposition gemacht hast? Hat es dir geholfen, also, war es das wert? Falls du etwas dazu sagen magst :)

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  3. Ähnliche Erfahrungen: Ja und nein.
    Ich hatte und habe auch soziale Anpassungsschwierigkeiten, sowohl in der Schule als auch im Studium als auch sonst so. Es ist schwer zu sagen, ob das nun in erster Linie auf meine Introversion, meine Dissoziativität oder doch auch meine - übrigens definitiv nicht TNS-würdige ;) - Hochbegabung zurückzuführen ist.
    Die Hochbegabung stellte sich bei mir allerdings erst heraus, als ich 19 war und eine ambulante Therapie begann; die Therapeutin hat mich während der Diagnostik getestet. Vorher ist nie jemand auf die Idee gekommen, dass meine Schwierigkeiten vielleicht zum Teil auch dadurch bedingt sein könnten. In der Schule waren meine Noten bis dahin wechselhaft (ich habe auch einfach sehr viel dissoziiert, hatte Amnesien usw.), es gab dahingehend also keinen richtigen Indikator, und mich hat dementsprechend nie jemand als *Die Hochbegabte* gesehen oder behandelt.

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  4. Oh ich kenne das so gut. Da ist immer dieses Gefühl anders zu sein. Und jeden Tag merkt man, dass man anders IST als die anderen.
    Ich kann mir gut vorstellen wie schwierig das sein muss wenn man hochbegabt ist.

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  5. Ich kann nicht wirklich sagen, dass meine Lebensgeschichte gleich verlief aber ich kann dir auf jeden Fall zusichern, dass ich dich verstehen kann! Auch mir erging es so, Jahrelang.
    Ich finde es traurig, dass unsere Gesellschaft immer da zu helfen versucht, was sie selbst als hinter der Norm betrachtet, auch wenn Personen dabei als Individuum nicht viel mit anfangen können.

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  6. Auch wenn mein Lebensweg deinem jetzt nicht so sehr ähnelt, aber ich war auch immer irgendwie anders. Das ging im Kindergarten los und hat sich bis zum Abitur nicht geändert. Erst in der Uni wurde es dann besser.

    Ich kann mir gut vorstellen, wie schwierig das alles für dich gewesen sein muss.

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