Seiten

14.01.2015

Wider die Scham.

Ende dieser Woche ist es soweit.
Exposition.
Schon wenn ich das Wort lese, wird mir schlecht.

Natürlich hatte ich schon Traumaexpositionssitzungen. Viele sogar. Ganz klassisch haben wir uns Stück für Stück die Lebenslinie entlang gearbeitet, von der Kindheit bis ins frühe Jugendalter. Die traumatischen Situationen bisher betrafen vorwiegend meine Herkunftsfamilie.
Das Wiedererleben war schwer für mich, weil es mich in die Gefühlswelt des Kindes zurückgeworfen hat, welches ich damals war. Weil ich mich wieder so hilflos und ausgeliefert fühlte, ohnmächtig gegenüber den Menschen, die hätten für mich sorgen sollen.
Das Wiedererleben war leicht für mich, weil ich heute zurückblicken und sagen kann: Ich war ein Kind. Ein Kind zu sein bedeutet, unschuldig zu sein, wehrlos. Hier kann ich inzwischen Zorn empfinden, gerechten Zorn gegenüber denen, die mir all das antaten, und jenen, welche tatenlos zusahen.

Was jetzt kommt, hat ein ganz anderes Ausmaß.
Es sind Situationen, in die ich mich wissentlich und willentlich begeben habe, als fast erwachsene Person. 
Wer meine Einträge die letzten acht Wochen über verfolgt hat, konnte meinen Sturzflug beobachten. Vor acht Wochen hatten wir damit begonnen, einzelne Fragmente meiner Erinnerung aus ihren verstaubten Kästen zu heben. Immer wieder mussten wir abbrechen, weil ich mich destabilisiert hatte. Flashbacks, Schmerzen, Erbrechen und Blackouts waren und sind meine täglichen Begleiter. Ich erkenne mich selbst kaum wieder. Nie hat mich etwas derart aus der Bahn geworfen, nie habe ich mich so schwach und unselbstständig gefühlt. Auch mit niedrigstem Gewicht ging es immer weiter und weiter, ohne Pause, ohne Ruhe, Schule, Studium, Arbeit. Und jetzt bin ich am Ende meiner körperlichen Kräfte.
Natürlich war ich damals nicht bei klarem Verstand - traumatisiert, magersüchtig, verängstigt, bindungsgestört. Trotz alledem kann ich mir selbst nicht vergeben.

Und gerade deswegen will ich darüber sprechen, darüber schreiben.
Ich werde der Scham direkt in die Augen sehen und ihrem Blick standhalten, bis sie die Lider senkt.
Nach all dieser Zeit.
Nach all dieser Zeit.

12 Kommentare:

  1. ... und sie *wird* die Lider senken.

    Ja, darüber kann man wirklich froh sein :) Es laufen viel zu viele inkompetente Menschen in dieser Welt herum ._.

    Naja, "so lala" ist aber besser als nichts, oder? :/ Hast du die Schmerzen denn ununterbrochen oder ist das eher situationsbedingt..?

    Zu 1: Hm... eventuell aus Angst vor Kontrollverlust? (*lach* und worauf bezieht sich das "gerade du"? ^^) Oder damit die Dinge einen Sinn ergeben und ich nicht "verrückt" bin...? Keine Ahnung...
    Zu 2: Qualitativ kann sich das vielleicht nicht mehr steigern, aber quantitativ erheblich... aus einmal die Woche könnte mehrmals werden, aus "seit gefühlten Ewigkeiten nicht mehr selbstverletzt" (okay, gerade nachgeguckt: 11 Tage xDD) ständig, aus latent bis teilweise akut suizidal nonstop akut, aus "tu x und y, sonst bringen wir dich um" ein "wir bringen dich um, Punkt." plus Ausführung... Mehr Flashbacks vielleicht... Vielleicht habe ich auch irgendwie Angst, dass daraus eine Art Büchse der Pandora wird. Einmal der Deckel aufgeklappt und alles fliegt durch die Gegend, auch wenn nicht einmal klar ist, was darin ist, ob es diese Dose überhaupt gibt, ob das überhaupt passieren wird und ob das, was darin ist, je real war. Hm.
    Zu 3: "richtig"... das, was der Wahrheit entspricht. Ich will nicht, dass ich irgendwann darauf zurückblicke und denke "Oh mein Gott, was habe ich da nur für einen Lügensch... gedacht, wie konnte ich mich nur derart in so einen Blödsinn hineinsteigern" - oder irgendwann denke, "meine Güte, warum habe ich das nicht damals schon gemacht/gemerkt/was auch immer"... Das, was auch später noch vertretbar ist und der Wahrheit entspricht.
    Zu 4: Ja. Klare Frage, klare Antwort xD

    *flaaaausch* *pling* *wenn man ein einhorn betrunken macht, kotzt es dann regenbögen?* *miau* *glitzer* ^^

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Anna,

    so gerne möchte ich etwas dazu schreiben, was du hier veröffentlicht hast, aber mir fehlen die Worte. Was ich fühle, ist Bewunderung, sofern ich das richtig zuordne.
    Ich glaube, ich kann nachvollziehen, dass du dich schämst und dich fragst, wieso du dich in diese Situationen begeben hast. Ich weiß nicht, ob es dir nützt, wenn ich schreibe, dass es bei mir ähnlich war. Man ist nicht bei klarem Verstand, wenn man so schwer krank ist, das hast du schon erkannt. Man versucht irgendwie, über die Runden zu kommen, mehr gewollt als gekonnt. Anscheinend gehören gewissen "Eskapaden" dazu. Momente, die man nachher mit Distanz betrachtet, sich fragt "Was verflixt nochmal habe ich mir dabei gedacht?" und immer wieder daran zurück denkt, weil man sich nicht verzeihen kann.
    Nicht man. Du. Ich.
    Wenn du möchtest, darfst du mir glauben, dass es irgendwann einfacher wird, daran zurückzudenken und wieder freundlicher gedanklich mit sich umzugehen. Es braucht Zeit, es braucht Geduld. Du, ich. Wir brauchen Zeit und Geduld.
    Und vor allem WILLENSKRAFT. Und die hast du, das lese ich aus deinem Post.
    "Ich werde der Scham direkt in die Augen sehen und ihrem Blick standhalten, bis sie die Lider senkt."
    Du kannst so stolz auf dich sein. Diesen Satz werde ich mir als Vorsatz für dieses Jahr merken.
    Danke.

    Alles Liebe,
    Feli

    AntwortenLöschen
  3. Liebe Anna,

    es ist gut, dass Du Zorn empfinden kannst, Zorn ist heilsam. Was die Scham betrifft, wahrscheinlich geht es vor allem darum, dass Du keine Scham Dir selbst gegenüber empfindest – mit sich selbst Frieden schließen wäre das wohl. Die Kraft dazu wünsche ich Dir.

    Was Deinen letzten Kommentar betrifft, Du hast Recht, mein Blog ist für mich vor allem eine Pinnwand, auf der ich mich kreativ betätigen möchte. Natürlich scheint dabei immer auch meine Persönlichkeit durch, das kann und will ich gar nicht verhindern. Was in mir vorgeht? Manchmal erschreckend wenig, dann schreibe ich, damit einfach mehr da ist, manchmal erschreckend viel, dann schreibe ich, um damit fertig zu werden. Das wird Deine Frage wahrscheinlich nicht beantworten, aber es ist die beste Antwort, die ich Dir zurzeit geben kann.

    Liebe Grüße,


    Pirandîl

    AntwortenLöschen
  4. Wenn du körperlich so am Ende bist, ist dann Stabilisierung nicht vielleicht eher dran? Oder willst du es auch endlich hinter dich bringen in der Hoffnung, dass sich dein Zustand dann bessert?
    Du bist sehr stark, weißt du das? Wenn nicht, dann schreib's dir hinter die Ohren ;)
    Ja, sie wird die Lider senken, ganz bestimmt. Ich wünsche dir ganz viel Kraft für deine Exposition. Und danach eine Flauschdecke und Tee und einen Platz zum Ausruhen. Damit du wieder zu Kräften kommen kannst.

    Sie IST vertrauenswürdig, ich habe ja schon früher mit ihr gearbeitet und sie hat einen bemerkenswerten Stil :D wenn man das so sagen kann. Je aufgeregter man selbst wird, desto ruhiger und klarer wird sie. Und sie beobachtet sehr genau.
    Ja, ich fühle mich gut aufgehoben bei ihr. Jetzt, wo wir das mit den Anteilen nochmal geklärt haben, fühl ich mich auch nicht mehr so nicht ernstgenommen und so^^

    AntwortenLöschen
  5. Immer klingt es einfacher gesagt als getan, doch wünsche ich dir viel Kraft für diesen Kampf. Du hast es verdient ohne diese Last zu leben, die schwer auf den Schultern lastet. Sicherlich ist man als Kind auch nur ein Kind, doch als Erwachsener ist man auch nur ein Mensch. Fallen und wieder auferstehen, so sagt man doch. Du bist so ein starker Mensch mit so viel, was du geben kannst und dies auch möchtest. Bitte bleibe stark. Danke für den Kommentar auf meinem Blog. Die Sache mit den Zähnen wird bald verheilen. Insgeheim wünschte ich mir, das wäre bei anderen Wunden auch so...

    Liebe Grüße
    Emaschi

    AntwortenLöschen
  6. Ich denke heute an dich und hoffe, du überstehst die Expo gut. Oder hast sie gut überstanden, wenn du das hier liest.
    *einhorn zum beschützen an deine seite stell*

    Deine Frage nach dem Kontakt zu meiner Mutter habe ich vergessen zu beantworten: Ich hatte einige Jahre lang keinerlei Kontakt zu meinen Eltern, aber inzwischen schreiben meine Mutter und ich uns Briefe und ich möchte in den nächsten Semesterferien gerne ein Treffen versuchen.

    AntwortenLöschen
  7. Hallo meine liebste Anna <3
    ich freue mich immer wieder, Lieblings-Lovely zu lesen :*

    Da hast du wohl recht ...
    Ehrlich: Ich weiß es nicht. Die Fragen wurden mir von M. gestellt (falls du sie kennst) eine der netten Annos. Irgendwie wollte ich die Fragen beantworten, irgendwie auch nicht ... jetzt ist der Text jedenfalls erstmal runter vom Blog.
    Deine Umarmung nehme ich gerne an.

    Wie ist es gelaufen? Wie geht es dir?
    Ich denke fest an dich, mein starkes, toughes Mädchen!

    Eine Umarmung zurück und ganz ganz viel Liebe
    deine Lovely

    AntwortenLöschen
  8. Wie ergeht es dir oder ist es dir ergangen? Ich las jüngst in einem Blog, in dem eine Betroffene ihre Zeit auf der Göttinger Traumastation schilderte. Sagt dir das etwas? Professor Sachsse gilt wohl als Experte deutschlandweit. Allerdings hat das seinen Preis: Wartezeiten für einen zweiwöchigen Diagnostikaufenthalt: 10 Monate. Für tatsächliche Traumaarbeit bis zu 18 Monaten. Nun, zurück zu den Blogerfahrungen. Sie berichtete, dass nach einer Expo das Pflegepersonal besonders umsichtig mit der Patientin umging. Sie hatten für diesen Tag "therapiefrei" und durften sich zurückziehen, wenn gewünscht. Jedoch schaute stündlich (!) ein Mensch nach ihr, auch des Nachts und kümmerte sich sehr liebevoll: brachte etwa heißen Tee oder Schokolade, saß dabei, wenn Tränen statt Worten in den Raum fielen, gaben Trost und Anteilnahme.
    Ambulant Exposition zu machen ist extrem hart. Ich hoffe, es entspringt nicht der Härte, mit der du bisweilen mit deiner Seele umghehst (so ich es hier lesen durfte). Ich hoffe sehr, du zwingst dich nicht zu etwas, weil du etwa der Meinung bist, es sei jetzt "dran" und du müsstest "da halt durch".
    Vor allem aber wünsche ich dir, dass du bereits vor der Expo nachgesorgt hast und die Stunden danach in sicherer, schützender Umgebung verbringst. Dass die Schmerzen abfiebern und dass Trauer Raum nehmen darf.
    Ich denke an dich.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Nina,
      danke der Nachfrage. Es geht mir recht ordentlich, die Exposition war hart, aber ich habe alles überstanden. Dankeschön für den Hinweis mit der Göttinger Traumastation, von der wusste ich noch nichts. Es klingt sehr, sehr gut, was du beschreibst, und ich werde mich auf jeden Fall darüber informieren. Ich kannte bisher nur die Station in Mannheim von Prof. Dr. Bohus, zögerte aber bisher mit der Anmeldung. Einerseits habe ich schon drei Monate DBT hinter mir, in der aber nur meine Borderline-Störung behandelt wurde. Andererseits bin ich zur Zeit nicht bereit, mich auf eine/n andere/n Therapeut/in einzulassen, da ich so schlechte Erfahrungen gemacht habe. Das war für mich auch der Hauptgrund, es ambulant zu versuchen. Du hast vollkommen Recht, dass das hart ist, und auch mit deiner Annahme, dass ich teilweise zu streng mit mir selbst bin. Meine Therapeutin weiß das aber glücklicherweise und bremst mich ggf. aus. Wie meinem aktuellen Post zu entnehmen ist, habe ich mich mit der Nachsorge erst schwer getan, die Kurve anschließend aber glücklicherweise noch bekommen.
      Alles Liebe dir.

      Löschen
    2. Kurze Einmischung am Rande: Ich habe mich im Juni 2013 in Göttingen auf der Traumastation angemeldet und damals die Rückmeldung bekommen, dass ich mindestens(!) 2 Jahre warten muss, bis ich auch nur zur Diagnostik kann. Damals war ich auf Platz 425(!) und wenn man bedenkt, dass sie dort nur 18 Plätze haben und viele Patienten intervallmäßig behandeln... Also: 10 Monate? Schön wär's. Die einzigen Patientinnen, die vorgezogen werden, sind welche mit kleinen Kindern.

      Löschen
  9. Hallo, Anna :)
    *lach* Dein Kommentar hat so gut wie den Ausschlag gegeben, die Haare sind jetzt ab und ich finde es wunderbar ^^' Ist nur ungewohnt, aber... ich habe Flausch auf dem Kopf o.o

    Ohje... das ist echt übel :/ Aber dass die Medikation hilft, freut mich wirklich für dich. Auf die Dauer ist das ja wirklich nicht "machbar", wenn man das so sagen kann, und wenn ihr jetzt noch mit Expo anfangen wollt, ist es auf jeden Fall besser, wenigstens da was zu bessern.

    Zu 1: Hm... Ja, das kann gut sein. Auch, wenn man sich meine sonstige Vergangenheit mal anguckt, würde das passen. Hm, und wenn ich schon nicht einigermaßen kontrollieren kann, was passiert, will ich wissen, was gemacht wird ^^' Ja, da hast du auch Recht. Ich würde mich ja nicht wirklich als "richtig" essgestört bezeichnen, weil ich zwischendurch auch immer wieder Phasen habe, in denen es gut läuft. Zurzeit zum Beispiel esse ich extrem viel, weil ich extrem viel Hunger habe, was evtl. auch daran liegt, dass ich mehr (und auch anderen) Sport mache als noch vor einem Monat ^^ Das ist aber okay, weil es wirklich "Körperhunger" ist mit Magenknurren usw. und ich weiß, dass mein Körper das wegen dem Sport braucht, allein um neue Muskeln aufzubauen.
    Zu 2: Hm... Also in der Klinik, in der ich letztes Jahr war, haben sie mir gesagt, wenn etwas ist, Notfall, Krise usw., kann ich jederzeit und ohne großes Anmeldegelaber zurück auf die Akutstation dort. (Auch wenn mein letzter Aufenthalt eher daraus bestand, wegen Suizidstufe teilnahmslos auf einem Bett zu hocken und depressiv die Wand anzuglotzen, weil ich mit niemandem reden durfte, niemand von den Betreuern mich beachtete usw. - bwäh xD Außerdem musste ich letztes Mal so sehr drüber diskutieren, wieder da runter zu dürfen, die hätten mich am liebsten nochmal zwei Tage da behalten und ich hab nach anderthalb schon so eine Mirfälltdiedeckeaufdenkopf-Krise gekriegt -.-) Aber ja, zur Not Akutstation und davor ambulant gucken, was geht.
    3: Ja. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie du es schaffst, aus meinem wirren Gefasel das so einfach auf den Punkt zu bringen o.o

    Alles Liebe dir, Anna. Wenn du die Exposition schon "hinter dir" hast, wünsche ich dir viel Kraft und Hiersein und Einhörner und sonst alles, was du brauchst. <3

    AntwortenLöschen
  10. Danke, liebe Anna sowohl für deine lieben Worte und die medizinischen Erklärungen.

    Ich bin einfach nur enttäuscht und verletzt, vielleicht auch wütend auf mich selbst! Aber wer würde auf sowas kommen?

    Letztlich tut sie mir Leid!

    AntwortenLöschen