Bevor ich das Gebäude betrete, zögere ich einen Moment. Ich war lange nicht mehr hier.
Immer wieder andere Gründe haben mich davon abgehalten. Oberflächlich betrachtet waren es Dinge wie ein zu niedriges Gewicht, eine frische Naht oder bewegungsbehindernde Phantomschmerzen. Im Grunde aber war es Angst.
Einerseits die Angst, dass es sich plötzlich anders anfühlen, mir nichts mehr geben würde, dass das Wasser vielleicht nicht mehr meins wäre. Andererseits die Sorge, dass sich die anfängliche Entspannung in eine Anspannung, das Vergnügen in eine Pflicht und ich mich in einen kalorienzählenden, sportverbissenen Zombie zurückverwandeln könnte.
Die Befürchtung, eine Zuflucht wiederzugewinnen und gleichzeitig zu verlieren.
Aber heute habe ich es gewagt und hier bin ich. Chlorgeruch steigt mir in die Nase. Ganz automatisch öffne ich die Türe, betrete den Eingangsbereich und halte meine Dauerkarte vor das Lesegerät. Ein Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit breitet sich in mir aus.
Der heiße Duschstrahl trifft mich von oben, ich blinzle durch den Wasservorhang und fange den Blick einer Frau auf, die unter der gegenüberliegenden Dusche steht und halb empört, halb mitleidig die sichtbaren Teile meines Körpers mustert. Ich reibe mir Wasser aus dem Gesicht und bleibe entgegen meinem Handlungsimpuls stehen. Das kenne ich schon. Nicht umsonst habe ich dieses Schwimmbad gewählt, ganz am Ende der Stadt, in dem garantiert kein mir bekanntes Gesicht auftauchen wird. Ein paar Rentner und ich und unter Wasser sehen wir sowieso alle gleich aus.
Vorsichtig tauche ich erst das rechte, dann das linke Bein ins Becken. Ich hole tief Luft, rutsche vom Rand und um mich herum ist Wasser. Langsam öffne ich meine Augen. Nichts hat sich verändert in der Zeit, in der ich nicht hier war.
Die gleichen blauen Fliesen. Das gleiche klare Wasser. Die gleiche wohltuende Stille.
Mein Körper fühlt sich leicht an, er ist mir kaum bewusst und gleichzeitig ist es eine der seltenen Situationen, in denen ich in ihm zuhause bin.
Ich öffne den Mund und sende einen Strom Luftblasen an die Wasseroberfläche. Die kleinen Perlen tanzen einen Moment um meinen Kopf, verirren sich in meinem Haar, steigen nach oben. Ich blicke der letzten Zeugin des mir innewohnenden Lebens nach, dann stoße ich mich vom Beckenboden ab und folge ihr.
Verwundert zieht die dicke Frau an der Kasse ihre Augenbrauen hoch, als ich mich ganz leise vorbeistehlen will.
"Na kiek mal einer an."
Verlegen bleibe ich stehen. "Hallo."
"Schon lang nich mehr jesehen, wa?"
Ich trete von einem Fuß auf den anderen und räuspere mich.
"Hm.... wahrscheinlich. Aber - ich denke, jetzt bin ich wieder öfter hier."
Zum Abschied winke ich ihr ein bisschen.
Sie ruft mir hinterher "Siehst besser aus, Kleene!" und grinst.
Durch die Scheibe hindurch grinse ich zurück.
"Find ich auch."
wie schön.. <3
AntwortenLöschen:D
AntwortenLöschenJetzt musste ich auch grinsen.
Das klingt sehr schön. :)
Du bist tapfer :)
AntwortenLöschenMach weiter so!
Hallo Anna,
AntwortenLöschentatsächlich hat die Online-Unterhaltung mit Dir wohl einen Punkt in mir berührt, das Ergebnis werde ich in den kommenden Tagen in meinen Blog einstellen. Du brauchst Dich deswegen aber nicht entschuldigen, Du konntest das erstens nicht wissen und zweitens hätte ich auch auch einfach meine Klappe halten können. In gewisser Weise war es vielleicht sogar heilsam für mich, dass ich mich mich wieder mit diesem Punkt auseinandergesetzt habe, das wird sich noch zeigen.
Dein Text gefällt mir sehr und es freut mich, dass Du Dir das Schwimmbad zurückerobern willst. Ich wünsche Dir, dass daraus ein wohltuendes Hobby wird, ohne Zwang und ohne Angst. Zum Abschluss noch eine Frage aus reiner Neugierde, wohnst Du im Großraum Berlin, oder ist die Frau an der Kasse eine zufällig anwesende Berlinerin?
Liebe Grüße, Pirandîl
Hallo, Anna :)
AntwortenLöschenIch mag deinen Post und hoffe auch, dass sich das gut entwickelt und du da Ruhe finden kannst :) Aber Respekt, dass du so "locker" mit Narben etc. umgehen kannst, ich werde da immer ein klein wenig nervös ^^
Ja, mal sehen... Ich weiß nicht, mir gefällt es nicht wirklich, dass das auf dem Blog ist. Mh.
Das ist gut, wenn du das so empfindest :)
Hm, ob das Dissoziation ist... Das kann gut sein. Ich spüre öfter Körperteile etc. nicht (kann dann zB nicht mehr laufen usw), wenn ich gestresst bin und dass ich die Schmerzen dann wegdissoziiere, ohne das bewusst mitzubekommen... das kann gut sein. Nur war ich eben so verwirrt, weil es teilweise einfach "nur" Schmerz ist und nichts Psychisches dazu à la Flashback usw... keine Ahnung, das ist da recht variabel xD
Gestern Abend waren sie nach längerer Zeit wieder ein paar Mal kurz da, aber es geht. Naja, und sonst eben ziemlich unangenehme Gefühle, aber zum Glück nicht so starke Schmerzen :)
Hat sich das mit deinen Schmerzen wieder gebessert?
Ah, verstehe ^^ Ich hab mich schon gefragt, wie man so dann bewusst atmen soll. Naja, zusammenrollen bzw. lockere Embryohaltung tue ich da eh meistens, also gut :) Also einfach bewusst atmen, okay.
Alles Liebe dir <3