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04.02.2016

Though The Fear Keeps Me Moving / Still My Heart Beats So Slow.

Liebe Anni, du fragst, was mir am meisten in meinem Leben fehlt.
Da ich annehme, "psychische und physische Gesundheit" ist zu allgemein formuliert, würde ich sagen: Was mir vermutlich am meisten fehlt, ist ein Gefühl der Stabilität in dem, wie ich mich selbst empfinde und wahrnehme.
Der Hauptgrund, weswegen ich den Blog kurzzeitig geschlossen hatte, ist der, dass ich mir gegenüber dir und allen anderen Leser*innen unehrlich vorkam. Ich hatte das Gefühl, einseitig zu berichten, mir Attribute zusammenzufantasieren, die ich gern hätte oder von denen ich glaubte, ich müsse sie besitzen, und dadurch ein Bild von mir zu zeichnen, das nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt.
Natürlich berichtet man anderen, egal ob online oder offline, auf gewisse Weise immer einseitig über sich, das funktioniert nicht anders. Natürlich schafft man sich im Internet eine Art alternative Realität. Aber ich habe mich irgendwann selbst nicht mehr wiedererkannt in dem, was ich schrieb.
Auf der Suche nach Sicherheit hielt ich immer krampfhafter an diesem Bild fest, was dazu führte, dass ich mir extrem schwer damit tat, einfach mal zu schreiben: "Es geht mir scheiße und ich finde gerade alles zum Kotzen", wenn es mir scheiße ging und ich gerade alles zum Kotzen fand. Ständig hatte ich den (natürlich selbst erzeugten) Druck, zu beweisen, wie stark, vernünftig und klug ich doch sei, indem ich die Gefühle, die mir so unangenehm und peinlich waren, über ein Prosastück oder Lyrik externalisierte, vermetapherte, verzerrte, sicher verpackte und damit hübsch auf Distanz hielt. Guckt mal, wie stark, vernünftig und klug ich mit diesen Emotionen umgehe. Sie können mir überhaupt nichts!
Mein Anspruch an den Blog war, hier unverfälscht und ehrlich zusammenzufassen und zu sortieren, was mich bewegt. Ich wünschte mir einen Ort, an dem ich, wie man so oft sagt, "die Maske abnehmen" und offen berichten könnte, an dem ich Rückmeldungen von Menschen bekäme, die wüssten, wer ich wirklich bin.
Ein Problem war bestimmt, dass ich gar nicht so genau wusste, wer oder was hinter den Masken steckt. Ich konnte nicht unterscheiden zwischen Rollen, die ich mir selbst auf den Leib geschneidert hatte, um in bestimmten Situationen zu funktionieren, und "echten" Persönlichkeitsanteilen, was auch immer das sein sollte. Es bedurfte einiges an Gesprächen, um zu begreifen, dass es keinen Unterschied zwischen diesen Anteilen gibt.
Alles, was wir tun, sagen und denken, ist Teil von uns und formt letztlich unsere Persönlichkeit. Einzelne Anteile abzulehnen oder sie zu leugnen, egal ob positive oder negative, bringt sie noch lange nicht zum Verschwinden.
Das zweite Problem betrifft meine unglaublich tief verwurzelte Angst vor Ablehnung. In dauernder Anspannung und der beständigen Erwartung, kritisiert, zurückgewiesen und nicht gemocht zu werden, ist es ja ganz verständlich, dass ich mich unfrei fühlte in dem, was ich schrieb. Jeden Text las ich vor dem Veröffentlichen hundert Mal, stets aus der Perspektive eines nicht wohlwollenden Lesers, überlegte, an welcher Stelle jemand wohl höhnisch einhaken konnte, ich korrigierte und verbesserte und löschte.
Dabei war ich es, der meine eigenen Gedanken zensierte, niemand sonst!
Und natürlich entstand auf diese Weise zunehmend das Gefühl, auch auf dem Blog nur zu schauspielern, selbst wenn es objektiv betrachtet vielleicht gar nicht so war.
Anni, auch, wenn du das vielleicht ganz anders wahrnimmst: Ich bewundere deine Fähigkeit, auf deinem (privaten) Blog so vieles einfach loszulassen, deine Gedanken und Emotionen so direkt zu verbalisieren. Aus jeder deiner Zeilen spricht die grundsätzliche Ehrlichkeit, das "So bin ich und nicht anders".
Du bist unglaublich ich-stark.
Und das ist es, was mir am meisten fehlt.

6 Kommentare:

  1. ein schöner post. eindeutig. <3

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  2. Wow, starke Worte und toll dass du so krass reflektiert hast. Echt, ich ziehe meinen Hut, da ich auch oft dazu neige und deswegen mein alter Blog auch verschwand um neu zu starten.

    Es freut mich wenn du ehrlich schreibst, es ist okay zu sagen: "Es geht mir kacke und ich hasse gerade alles." Das ist dein Blog, dein Gefühl und niemand sollte und wird dir den Kopf deswegen abreißen. <3

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  3. Dankeschön ... Ich weiß nicht, woher, aber im Moment bin ich so optimistisch wie seit Jahren nicht mehr.

    Ich finde schön, dass du den Mut gefunden hast, auch zu sagen, wenn du nicht mehr kannst - den Post habe ich noch in Erinnerung und vor allem deine Erleichterung danach, dass es niemand "ausnutzte". Deine ichStärke ist auf dem besten Wege ♥

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  4. Liebe Anna, es freut mich, dass Dein Blog wieder DEIN Blog ist. Es ist schön, von Dir zu lesen. Du bist, wer Du bist – Anna ist Anna.

    Liebe Grüße, Pirandîl

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  5. Liebe Anna,

    zuerst: es ist so schön, dass du wieder hier bist :)
    Vieles von dem du in diesem Post schreibst, kenne ich auch, in abgewandelter Form. Was ich dazu sagen könnte, haben andere vor mir schon deutlich besser ausgedrückt, also nur Folgendes: wer immer du "wirklich bist" (um deine Worte zu verwenden), ich mag dich.

    Danke für deine lieben Worte. Meine erste Reaktion war: näh, so schlimm isses jetzt nicht. Dann ist mir klargeworden, dass ich ganz dezente *hust* Schwierigkeiten habe, mir mein Traurigsein zuzugestehen. Also nehme ich Tee und Decke und lasse das zu, was wehtut. Danke <3

    Das Lied auf YouTube zu suchen war eines der ersten Dinge, die ich heute im heimatlichen WLAN gemacht habe, und das bringt mich zu etwas, was ich dich schon länger fragen wollte: Was für Musik hörst du?
    Das ist ein schönes Bild, das im Text dargestellt wird und auch sowas, was ich gut gebrauchen kann :)

    Und nein, auf meinem Blog gibt es tatsächlich keinen Follow-Button oder sowas. Jetzt, da er privat ist, würde aber sowieso nichts davon im Dashboard auftauchen. Wenn du willst, kannst du exklusive E-Mail-Benachrichtigungen über neue Posts bekommen, dann würde ich das einrichten :)

    Dern Rest schreibe ich noch in die Antwortmail :)

    Eine Umarmung zurück, und noch eine als Vorrat für schlechte Tage <3

    Nia

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  6. Liebe Anna,
    ist denn nicht genau dieser Moment, wenn du merkst, dass etwas falsch läuft, du nicht mehr genau weisst, ob du jetzt die Realität abbildest oder wieder nur eine Rolle spielst, so wichtig? Ist es nicht genau das, was für uns alle so schwierig ist? Das Ich hinter der Maske zuzulassen?

    Ich finde, du bist weder eine Enttäuschung noch sonstwie falsch. Ganz im Gegenteil, dadurch, dass du festgestellt hast, wieder eine Maske zu tragen und das dann infrage gestellt hast und dich selbst überprüft hast, das macht dich erwachsen und reif.
    Drück dich,
    Emilia

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